Ein Deutschland!
Kurt Tucholsky · 1890–1935
26 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 5. Januar 1919
Von Theobald Tiger
Feierlich treten wir nunmehr in das Jahr 1919,und es freut uns, daß wir allhier versammelt Feind und Freund sehn;unserm tierischen Gehaben entsprechend wollen wir sie beschnuppern und betrachten,und, je nachdem, beißen oder auf den Popo klapsen oder schweigend achten.
Wie ist das zunächst mit Oberschlesien?Sind da die Herren Schwarzröcke im Spiel gewesien?oder markieren alldort die lieben Polenden Teufel, der die Deutschen will holen?
Es knistert aber nicht nur an dieser Stelle im Reiche;im Rheinland beobachten wir ganz das gleiche:auch hier möchte man sich selbständig machen, und nicht minderpartikularistisch erglänzt der Vereinszylinder.
Und es ertönt die alte deutsche Musike:Wir wollen unsere eigene kleine Republike!Zweitausend Jahre alt ist diese Melodie –und es scheint fast so, als lernten die Deutschen es nie.
Haben sie denn nicht begriffen, was vor sich gegangen?Fühlen sie nicht im Osten nun Westen die klemmenden Zangen?Müssen sich denn die Deutschen immer untereinander zankenund vom Kürassierstiefel zum Schlafrock hin und wieder wanken?
Ein Deutschland! Soll das niemals anders werden?Ein Deutschland ohne diese lächerlichen Bürgergebärden –Ein Deutschland! Freunde, seid klug und gebt euch die Hand!Wir pfeifen auf schrilles Hurrageschrei. Wir brauchenein Vaterland!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ulk Jahrgang 48. Nummer 1. Seite 2, Rudolf Mosse, Berlin, 5. Januar 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ein Deutschland!“, Fassung 3.642.417 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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