Erinnerung Wie tanzt durch meine Träume
Kurt Tucholsky · 1890–1935
21 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 6. Juni 1918
Erinnerung von Theobald Tiger
Wie tanzt durch meine Träume Josephine!Das gute Kind! wie war sie dick und rund!In luftiger Seide und sonst sine-sine,so satt, so frisch und so gesund!
Sie neigt sich und sie spricht: „Weißt du noch, Junge?Die Havel blitzt, es rauscht der Wind im Schilf,es gibt Tomaten, Eier, Pökelzunge,du stopfst, bis du nur hauchst: Luft, Samiel, hilf!
Und dann das Bad und dann ein Schlaf im Freien!und immer dieses helle, weiße Licht!Ich glaub, du, das war Sünde mit uns zweien –wir lebten uns, und das, das darf man nicht!“
Sprachs und verschwand. Durch graue Gazeschleierder Zigarette schau ich in die Luft –Ja damals! Damals gabs noch Spiegeleierund Butter und den warmen Bratenduft …
Dahin, dahin. Ich seh auf den Kalender:Eins, neun, eins, acht! wir haben unser Heer,wir haben Belgien und Serbien als Pfänder –doch das ist weg … und kommt nicht mehr.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. Jahrgang 14, Nummer 23, Seite 530, Verlag der Weltbühne, Berlin, 6. Juni 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Erinnerung Wie tanzt durch meine Träume“, Fassung 4.467.907 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.