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Versbuch

Eine Frau denkt

Kurt Tucholsky · 18901935

33 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 17. Dezember 1929

Eine Frau denkt von Theobald Tiger

Mein Mann schläft immer gleich ein … oder er raucht seine Zeitung und liest seine Zigarre… ich bin so nervös … und während ich an die Decke starre,denke ich mir mein Teil.

Man gibt ihnen so viel, wenigstens zu Beginn. Sie sind es nicht wert.Sie glauben immer, man müsse hochgeehrtsein, weil man sie liebt.Ob es das wohl gibt:ein Mann, der so nett bleibt, so aufmerksamwie am ersten Tag, wo er einen nahm …?Einer, der Freund ist und Mann und Liebhaber … der uns mal neckt,mal bevatert, der immer neu ist, vor dem man Respekthat und der einen liebt … liebt … liebt …ob es das gibt?

Manchmal denke ich: ja.Dann sehe ich: nein.Man fällt immer wieder auf sie herein.

Und ich frage mich bloß, wo diese Kerls ihre Nerven haben.Wahrscheinlich … na ja. Die diesbezüglichen Gabensind wohl ungleich verteilt. So richtig verstehen sie uns nie …Weil sie faul sind, murmeln sie was von Hysterie.Ist aber keine. Und wollen wir Zärtlichkeit,dann haben die Herren meist keine Zeit.Sie spielen: Symphonie mit dem Paukenschlag.Unsere Liebe aber verzittert … das ist nicht ihr Geschmack.Hop-hop-hop – wie an der Börse. Sie sind eigentlich niemehr als erotische Statisterie.Die Hauptrolle spielen wir. Wir singen allein Duett,leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett.

Mein Mann schläft immer gleich ein … oder er dreht sich um und raucht eine Zigarre …Warum? Weil …Und während ich an die Decke starre,denke ich mir mein Teil.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Weltbühne. 25. Jahrgang 1929, Nummer 51, Seite 920., Verlag der Weltbühne, Berlin, 17. Dezember 1929
Digitalisat
de.wikisource.org — „Eine Frau denkt“, Fassung 3.718.230 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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