Der Werwolf
Christian Morgenstern · 1871–1914
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1981
Ein Werwolf eines Nachts entwichvon Weib und Kind, und sich begaban eines Dorfschullehrers Grabund bat ihn: Bitte, beuge mich!
Der Dorfschulmeister stieg hinaufauf seines Blechschilds Messingknaufund sprach zum Wolf, der seine Pfotengeduldig kreuzte vor dem Toten:
,Der Werwolf, – sprach der gute Mann,,des Weswolfs, Genitiv sodann,,dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,,den Wenwolf, – damit hat’s ein End’.‘
Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,er rollte seine Augenbälle.Indessen, bat er, füge dochzur Einzahl auch die Mehrzahl noch!
Der Dorfschulmeister aber mußtegestehn, daß er von ihr nichts wußte.Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,doch ‚Wer‘ gäb’s nur im Singular.
Der Wolf erhob sich tränenblind –er hatte ja doch Weib und Kind!!Doch da er kein Gelehrter eben,so schied er dankend und ergeben.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Alle Galgenlieder. S. 86-87, Diogenes, Zürich, 1981
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Werwolf“, Fassung 3.779.339 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Christian Morgenstern starb 1914; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1984 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11881169X der Deutschen Nationalbibliothek.
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