Zum Inhalt springen
Versbuch

Eisner

Kurt Tucholsky · 18901935

62 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1919

Da war ein Mann, der noch an Ideale glaubteund tatenkräftig war.In Deutschland ist das tödlich. Denn wir habenentweder rohe Kraft, die wir mißbrauchen,die Gattung nennt man Patrioten – oder aberwir haben feine Sinne und ein zart Gewissenund richten gar nichts aus. Der aber, tatenfroh beflügelt,hieb fest dazwischen – und daneben, freilich!Jedoch er hieb, daß faule Späne flogen.Welch eine Wohltat war das, zu erleben,daß einer überhaupt den Degen zog,ein Tapferer war und doch kein General.

Ein Lümmel, irgendeiner von den Schwarz-Weiß-Roten(der letzte Zulukaffer steht uns andern näher),schoß ihn von hinten übern Haufen.Kurt Eisner starb – und lebt in unser aller Herzen!

Was aber Trauer bitter macht und schmerzlicher den Schmerz,was über einer Gruft die Fäuste fester ballen läßt,ist dies:Die Bürger nicken.Es starb Jaurès, Karl Liebknecht, Luxemburg,Kurt Eisner –.Wir wissen wohl, wie jener groß war, dieser kleiner –wer feilscht hier um Formate! Eine Reinheitging von den vieren aus,die leuchtete auf ihren Stirnen und den Händen.Und ihre Stimme sprach: Ihr sollt nicht leiden!Vier Schüsse und vier Särge und vier Gräber.Wir strecken unsre Arme in die Rundeund klagen: „Welt! schlägst du noch immer an die KreuzeDie, die dich lieben?“Und die Bürger nicken.Behaglich nicken sie, zufrieden, daß sie leben,und froh, die Störenfriede los zu sein,die Störenfriede ihrer Kontokasse.Wo braust Empörung auf? Wo lodern Flammen,die Unrat zehren, und die heilsam brennen?Die Bürger nicken. Schlecht verhohlne Freude.Sie wollen Ordnung – das heißt: Unterordnung.Sie wollen Ruhe – das heißt: Kirchhofsstille.Sie wollen Brot – das karge Brot der andern.Und satt und schleimig-fett und vollgesogenhockt über diesem Lande eine Spinne:gelähmtes Leid, gelähmte deutsche Seelen.

Und doch: nach allem, was bergab gegangen,nach dem, was uns enttäuscht und auch betrogen,nach Kompromiß und braven Leisetretern – –wir wissen ihre Werke, daß sie weder kalt noch warmgewesen sind. Ach, wärt ihr kalt! Ach, wärt ihr warm!Doch sie sind lau –Und dennoch, dennoch:Wir glauben weiter unter grauem Himmel!Wir warten deiner unter grauem Himmel!Wir wissen, daß du kommst –Du sollst nicht rächen.Doch du sollst flammen, schüren, leuchten, brennen.Luft! Gib uns Luft, darin wir atmen können!Wühl unsre Seelen auf, pflüg um die Herzenund löse uns von unserm deutschen Elendund nimm von uns das niederste der Leiden.Die beiden mach gesund vor allen Dingen:gelähmtes Land und die gelähmten Schwingen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Fromme Gesänge, S. 51-53, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
Digitalisat
de.wikisource.org — „Eisner“, Fassung 3.779.585 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Kurt Tucholsky

Alle Gedichte von Kurt Tucholsky ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.