Zum Inhalt springen
Versbuch

Ehekrach

Kurt Tucholsky · 18901935

45 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1929

„Ja –!“„Nein –!“„Wer ist schuld?Du!“„Himmeldonnerwetter, laß mich in Ruh!“– „Du hast Tante Klara vorgeschlagen!Du läßt dir von keinem Menschen was sagen!Du hast immer solche Rosinen!Du willst bloß, ich soll verdienen, verdienen –Du hörst nie. Ich red dir gut zu…Wer ist schuld –?Du.“„Nein.“„Ja.“

– „Wer hat den Kindern das Rodeln verboten?Wer schimpft den ganzen Tag nach Noten?Wessen Hemden muß ich stopfen und plätten?Wem passen wieder nicht die Betten?Wen muß man vorn und hinten bedienen?Wer dreht sich um nach allen Blondinen?Du –!“„Nein.“„Ja.“„Wem ich das erzähle …!Ob mir das einer glaubt –!“– „Und überhaupt –!“„Und überhaupt –!“„Und überhaupt –!“

*

Ihr meint kein Wort von dem, was ihr sagt:Ihr wißt nicht, was euch beide plagt.Was ist der Nagel jeder Ehe?Zu langes Zusammensein und zu große Nähe.

Menschen sind einsam. Suchen den andern.Prallen zurück, wollen weiter wandern…Bleiben schließlich… Diese Resignation:Das ist die Ehe. Wird sie euch monoton?Zankt euch nicht und versöhnt euch nicht;Zeigt euch ein Kameradschaftsgesichtund macht das Gesicht für den bösen Streitlieber, wenn ihr alleine seid.

Gebt Ruhe, ihr Guten! Haltet still.Jahre binden, auch wenn man nicht will.Das ist schwer: ein Leben zu zwein.Nur eins ist noch schwerer: einsam sein.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Das Lächeln der Mona Lisa, S. 340-341, Rowohlt, Berlin, 1929
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ehekrach“, Fassung 1.193.257 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Kurt Tucholsky

Alle Gedichte von Kurt Tucholsky ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.