Die Tagung
Kurt Tucholsky · 1890–1935
43 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 14. Oktober 1929
Die Tagung Von Theobald Tiger
Nun, Mutter, bürst mir den Zylinder,den guten Sonntags-Gehrock hol herbei:gehab dich wohl – paß gut auf, auf die Kinder,pack mir die Stullen ein und auch ein Ei …Heut fahr ich los, um neun Uhr, im Expreß …heut ist Kongreß!
Vom Reichsverband sind die Kollegenschon alle in die ferne Stadt geeilt.Man wird uns dort brillant verpflegen,weil ein Minister bei uns weilt.Die Hoteliers sind froh. Sie wissen es:heut ist Kongreß.
Zu ernster Arbeit sind wir dort versammelt.Der Herr Minister spricht – das ist der Clou(da ist der Saal noch voll, voll wie gerammelt) –er sagt uns seine Unterstützung zu …Das ist ein großes Wort. Ein amtliches –heut ist Kongreß.
Dann wird man viele schönen Reden hören.Jedweder bittet um des Wortes Gunst.Da kann uns die Opposition nicht stören –Abstimmen lassen ist auch eine Kunst,Die Hände hoch! Und kurz ist der Prozeß …heut ist Kongreß.
Wir sprechen von den einfach ungeheuernUnkosten in Fabrik und in Bureauund von den viel zu hohen Steuern –„Das, meine Herren, geht nicht weiter so!Was hier geschieht, ist ein Exzeß!“Heut ist Kongreß.
Im Saal ein Nickerchen … die Uhr ist viere …Der Redner liest und liest und redet seins …Dann sitzen wir in Reihen froh beim Biereund trinken, trinken immer noch eins.Denn, Mutter, schon die ollen Germanenversammelten sich mit allen Schikanenrechts vom Rhein und links vom Rhein:Deutsche Arbeit will beredet sein.Weil selbe immer nur gedeihtim Treibhaus unserer Wichtigkeit.Leb wohl! Da pfeift schon der Expreß …!Heut ist Kongreß.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Simplicissimus Jahrgang 34, Nummer 29, Seite 355, Albert Langen, München, 14. Oktober 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Tagung (Tucholsky)“, Fassung 3.577.959 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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