Ulrich von Hutten
Karl Henckell · 1864–1929
81 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1921
Ufenau
Ein Vöglein zwitschert. Eine Wespe brummt.Sonst regt kein Laut sich. Alles scheint verstummt.Verloren tiefe, träumende Mittagsruh –Im Schatten lagr’ ich lässig. Hier hast du,Vieledler Held, dein Tagewerk beschiedenUnd fandest Frieden, müder Kämpfer, Frieden.Mit deinem letzten Hauch hast du geweihtDie Einsamkeit.
Das Kirchlein, die Kapelle schaun mich an:Hier betete der schwergeprüfte Mann.Die Wiesenblumen nicken fernen Gruß:Hier ging, hier wandelte sein siecher Fuß.Hier glitt, lichtarm, dann trüber, immer trüber,Sein Leben noch an seinem Blick vorüber,Hier zuckte sein gequältes, müdes HerzIm Todesschmerz.
O Hutten, selig unglückseliger Held,Schwertlilie auf der Freiheit Blütenfeld!Du brachst, an Mut als Knabe schon ein Mann,Der Klosterschule starren Geistesbann.Von Fulda irrtest du in deutschen Gauen,Ein Bild des Elends, jammervoll zu schauen.Weh! dich befiel, das Schuld und Unschuld trifft,Der Seuche Gift.
Verfemt vom Vater, ohne Heim und Rast,Beladen mit des Unglücks Riesenlast,Gemeiner Söldner, Bettler, hin und herGejagt, gehetzt fern über Land und Meer,Mit Pest und Schiffbruch, Feindeswut geschlagen,Und dennoch Sieger! Todgewaltig WagenRiß auf des Lebens Kuppe dich emporAus Nebelmoor.
Da trat das Glück, die schöne Schmeichlerin,Mit ihrem Rosenstrauße vor dich hin.Der Vater starb, du durftest Erbe sein,Die gute Mutter weinte: „Werde mein!“Zum Dichter krönt’ in Augsburg dich KonstanzeHoldlächelnd mit des Ruhmes Lorbeerkranze,Die Anmut lockte: „Wilder Pilgrim du,Süß ist die Ruh.“
Zurück! Hinweg! Wer war wie du so treu?„Ich habs gewagt und trag des noch kein Reu.“Die Sache rief, dein Los nahm seinen Lauf:„Wach auf, du edle Freiheit, wache auf!“Ein Falk warst du, kein girrend schwacher Täuber,Stoßfertig auf den römischen Straßenräuber;Von eurer Ebernburg EmpörersitzSchoß Blitz auf Blitz.
O dreimal edles deutsches Freundespaar,Gesellt in gleicher Liebe und Gefahr,Franz Sickingen und Ulrich Hutten – GeistUnd kühne Waffenführerschaft verschweißt!Wie durftet ihr in trotzigen EntwürfenDer freien Tatenfreude Wollust schlürfen!Rag vor, Herberge der Gerechtigkeit,In diese Zeit!
Kalt niederlächelte der Kaiserthron –Da schuft ihr sie, die Revolution.Mit Bürger, Bauer wider FürstenmachtUnd unfehlbare Pfaffenniedertracht.Da schlugt ihr los – und schlugt zu früh. Verderben!Auf Landstuhl, Franz, das war ein traurig Sterben.Es irrt der Freund umher im Schweizerland,Qualübermannt.
Hilflos armseliger Flüchtling – dich verrietDer Basler Studienfreund. Ihn preist kein Lied.Erasmus, deine feine Bildung warDer feinern Bildung des Gemütes bar;Riet dir dein Griechisch denn so arge Listen,Zu scheun den armen Bruder Humanisten?Gelehrter Mann, lieh dir dein Wissen MachtZur Niedertracht?
Ein Zornschrei noch, ein glühender, für das!Die Feder tauchtest du in heiligen Haß.Zu Zwingli schlepptest du dich todkrank fort,Der wies dir deinen letzten Ruheport.Hier starbst du, hier umstürzte deine Zeder,Man fand kein Buch, Gerät, nur eine Feder –Schriftsteller Ulrich Hutten, niemals feil,Heil, Toter, Heil!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Karl Henckell: Gesammelte Werke Bd. 2 München 1921 S. 67–70, J. M. Müller, München, 1921
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ulrich von Hutten (Karl Henckell)“, Fassung 1.610.293 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Henckell starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118835289 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.