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Versbuch

Die Liebhaber

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

72 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1767

Mein Mädgen im Schatten der LaubeUmhangen von purpurner TraubeBekränzte mit Rebenlaub sichUnd wartete schmachtend auf mich.

Da wallte der Herrscher der TräumeDurch zitternde Wipfel der Bäume,Erblikte das liebliche Kind,Sank nieder, umarmt es geschwind.

Sie schlummert, er küsste die Wangen,Sie glühten von heissem Verlangen,Erhizzet, o Gottheit, von Dir,Nach sterblichen Küssen von mir.

Da saugte mit athmenden ZügenAnnette das gröste VergnügenDer Träume, die Mädgen erfreun,Vom Munde des Göttlichen ein.

Schnell war sie von Leuten umgeben,Die schmachteten seufzend nach Leben,Und harreten zitternd aufs GlückVon einem beseelenden Blick,

Da lag nun auf Knien die Menge,Mein Mädgen erblikt das Gedränge,Und hörte der bittenden Schreyn,Und dünkte sich Venus zu seyn.

Erst sah sie den schreklichen Sieger,Da lag er gebükt, wie ein Krieger,Den stärkerer Streitenden MachtIn schimpfliche Fesseln gebracht.

So sprach er: „Die mächtigen WaffenDen Ruhm zu erobern geschaffenErheben, erwählest du mich,Aus deine Befehle nur sich.

Da fürcht ich nicht Wäll' nicht Canonen,Nicht Tonnen, die Minen bewohnen,Nicht Feinde die schaarenweis ziehn,Du sprichst nur: Entflieht; sie entfliehn.

Doch mußt du für Eisen nicht beben,Mein Arm den jezt Waffen umgeben,Schliest sich in entwafneter Ruh’Auch sanften Umarmungen zu.“

Der Kaufmann mit Puzwerk und Stoffen,Was eitele Mädgen nur hoffen,Trat näher, und beugte sein Knie,Verbreitet es hoffend vor sie; -

„Erhöre mich, werde die meine,So sprach er, „dieß alles ist deine,Dich kleid’ ich in herrlicher PrachtDann wenn du mich glüklich gemacht.“

Der Stuzzer im schekkigen KleideVon Sammt und von Gold und von SeideKam summend, wie Käfer im Mäy,Mit künstlichen Sprüngen herbey -

„Du glänzest bey Ball und Concerten,Du herrschest beym Spiel und in Gärten,Mein Dressenrock schimmert auf dich,Geliebteste, wähle du mich.“

Noch andere kamen. GeschwindeWieß da mich dem göttlichen KindeDer Traumgott. Sie schaute mich kaum,Den lieb ich - so rief sie im Traum,

„Komm, eile! o komm mich zu küssen“ -Ich eilte sie fest zu umschliesen;Denn ich war ihr wachend schon nah,Und küssend erwachte sie da.

Kein Pinsel mahlt unser Entzükken,Da sank sie mit sterbenden Blikken,O welche unsterbliche Lust!An meine hochfliegende Brust.

So lag einst Bertumn und Pomone,Als er auf dem grünenden ThroneDas sprödeste Mädgen bekehrt,Zuerst sie die Liebe gelehrt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Annette. S. 82-91, ohne Angabe, Leipzig, 1767
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Liebhaber“, Fassung 3.533.991 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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