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Versbuch

Harzreise im Winter

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

88 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1789

Dem Geyer gleich,Der auf schweren MorgenwolkenMit sanftem Fittich ruhendNach Beute schaut,Schwebe mein Lied.

Denn ein Gott hatJedem seine BahnVorgezeichnet,Die der GlücklicheRasch zum freudigenZiele rennt:Wem aber UnglückDas Herz zusammenzog,Er sträubt vergebensSich gegen die SchrankenDes ehernen Fadens,Den die doch bittre SchereNur Einmal lös’t.

In Dickichts-SchauerDrängt sich das rauhe Wild,Und mit den SperlingenHaben längst die ReichenIn ihre Sümpfe sich gesenkt.

Leicht ist’s folgen dem Wagen,Den Fortuna führt,Wie der gemächliche TroßAuf gebesserten WegenHinter des Fürsten Einzug.

Aber abseits, wer ist’s?In’s Gebüsch verliert sich sein Pfad,Hinter ihm schlagenDie Sträuche zusammen,Das Gras steht wieder auf,Die Öde verschlingt ihn.

Ach wer heilet die SchmerzenDeß, dem Balsam zu Gift ward?Der sich MenschenhaßAus der Fülle der Liebe trank!Erst verachtet, nun ein Verächter,Zehrt er heimlich aufSeinen eignen WerthIn ung’nügender Selbstsucht.

Ist auf deinem Psalter,Vater der Lieb, ein TonSeinem Ohre vernehmlich,So erquicke sein Herz!Öffne den umwölkten BlickÜber die tausend QuellenNeben dem DurstendenIn der Wüste.

Der du der Freuden viel schaffst,Jedem ein überfließend Maß,Segne die Brüder der JagdAuf der Fährte des Wilds,Mit jugendlichem ÜbermuthFröhlicher Mordsucht,Späte Rächer des Unbilds,Dem schon Jahre vergeblichWehrt mit Knütteln der Bauer.

Aber den Einsamen hüll’In deine Goldwolken,Umgib mit Wintergrün,Bis die Rose wieder heranreift,Die feuchten Haare,O Liebe, deines Dichters!

Mit der dämmernden FackelLeuchtest du ihmDurch die Furten bey Nacht,Über grundlose WegeAuf öden Gefilden;Mit dem tausendfarbigen MorgenLachst du in’s Herz ihm;Mit dem beißenden SturmTrägst du ihn hoch empor;Winterströme stürzen vom FelsenIn seine Psalmen,Und Altar des lieblichsten DanksWird ihm des gefürchteten GipfelsSchneebehangner Scheitel,Den mit GeisterreihenKränzten ahnende Völker.

Du stehst mit unerforschtem BusenGeheimnißvoll offenbarÜber der erstaunten Welt,Und schaust aus WolkenAuf ihre Reiche und Herrlichkeit,Die du aus den Adern deiner BrüderNeben dir wässerst.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Johann Wolfgang von Goethe: Goethes Schriften. Achter Band, G. J. Göschen. 1789. Seite 193-197, G. J. Göschen, 1789
Digitalisat
de.wikisource.org — „Harzreise im Winter“, Fassung 1.462.754 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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