Der Becher
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
27 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1789
Einen wohlgeschnitzten vollen BecherHielt ich drückend in den beyden Händen,Sog begierig süßen Wein vom Rande,Gram und Sorg’ auf Einmal zu vertrinken.
Amor trat herein und fand mich sitzen,Und er lächelte bescheidenweise,Als den Unverständigen bedauernd.
„Freund, ich kenn’ ein schöneres Gefäße,Werth die ganze Seele drein zu senken;Was gelobst du, wenn ich dir es gönne,Es mit anderm Nektar dir erfülle?“
O wie freundlich hat er Wort gehalten,Da er, Lida, dich mit sanfter NeigungMir, dem lange sehnenden, geeignet!
Wenn ich deinen lieben Leib umfasse,Und von deinen einzig treuen LippenLangbewahrter Liebe Balsam koste,Selig sprech’ ich dann zu meinem Geiste:
Nein, ein solch Gefäß hat außer AmornNie ein Gott gebildet noch besessen!Solche Formen treibet nicht VulcanusMit den sinnbegabten, feinen Hämmern!Auf belaubten Hügeln mag LyäusDurch die ältste, klügste seiner FaunenAusgesuchte Trauben keltern lassen,Selbst geheimnißvoller Gährung vorstehn:Solchen Trank verschafft ihm keine Sorgfalt!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Johann Wolfgang von Goethe: Goethes Schriften. Achter Band, G. J. Göschen. 1789. Seite 169–170, G. J. Göschen, Leipzig, 1789
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Becher (Goethe)“, Fassung 2.912.012 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
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