Zum Inhalt springen
Versbuch

Morgenklagen

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

59 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1789

O du loses, leidigliebes Mädchen,Sag mir an, womit hab’ ich’s verschuldet,Daß du mich auf diese Folter spannest,Daß du dein gegeben Wort gebrochen?

Drucktest doch so freundlich gestern AbendMir die Hände, lispeltest so lieblich:Ja, ich komme, komme gegen MorgenGanz gewiß, mein Freund, auf deine Stube.

Angelehnet ließ ich meine Thüre,Hatte wohl die Angeln erst geprüfet,Und mich recht gefreut, daß sie nicht knarrten.

Welche Nacht des Wartens ist vergangen!Wacht’ ich doch und zählte jedes Viertel:Schlief ich ein auf wenig Augenblicke,War mein Herz beständig wach geblieben,Weckte mich von meinem leisen Schlummer.

Ja, da segnet’ ich die Finsternisse,Die so ruhig alles überdeckten,Freute mich der allgemeinen Stille,Horchte lauschend immer in die Stille,Ob sich nicht ein Laut bewegen möchte.

„Hätte sie Gedanken wie ich denke,Hätte sie Gefühl wie ich empfinde,Würde sie den Morgen nicht erwarten,Würde schon in dieser Stunde kommen.“

Hüpft’ ein Kätzchen oben über’n Boden,Knisterte das Mäuschen in der Ecke,Regte sich, ich weiß nicht was, im Hause,Immer hofft’ ich deinen Schritt zu hören,Immer glaubt’ ich deinen Tritt zu hören.

Und so lag ich lang’ und immer länger,Und es fing der Tag schon an zu grauen,Und es rauschte hier und rauschte dorten.

„Ist es ihre Thüre? Wär’s die meine!“Saß ich aufgestemmt in meinem Bette,Schaute nach der halb erhellten Thüre,Ob sie nicht sich wohl bewegen möchte.Angelehnet blieben beyde FlügelAuf den leisen Angeln ruhig hangen.

Und der Tag ward immer hell und heller;Hört’ ich schon des Nachbars Thüre gehen,Der das Taglohn zu gewinnen eilet,Hört’ ich bald darauf die Wagen rasseln,War das Thor der Stadt nun auch eröffnet,Und es regte sich der ganze PlunderDes bewegten Marktes durch einander.

Ward nun in dem Haus ein Gehn und Kommen,Auf und ab die Stiegen, hin und wiederKnarrten Thüren, klapperten die Tritte;Und ich konnte, wie vom schönen Leben,Mich noch nicht von meiner Hoffnung scheiden.

Endlich, als die ganz verhaßte SonneMeine Fenster traf und meine Wände,Sprang ich auf, und eilte nach dem Garten,Meinen heißen, sehnsuchtsvollen AthemMit der kühlen Morgenluft zu mischen;Dir vielleicht im Garten zu begegnen:Und nun bist du weder in der Laube,Noch im hohen Lindengang zu finden.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Johann Wolfgang von Goethe: Goethes Schriften. Achter Band, G. J. Göschen. 1789. Seite 164-167, G. J. Göschen, Leipzig, 1789
Digitalisat
de.wikisource.org — „Morgenklagen“, Fassung 613.584 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Johann Wolfgang von Goethe

Alle Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Klassik und Sturm und Drang

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.