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Versbuch

Der Junggesell und der Mühlbach

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

63 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1827

Gesell.

Wo willst du klares Bächlein hin,So munter?Du eilst mit frohem leichtem SinnHinunter.Was suchst du eilig in dem Thal?So höre doch und sprich einmal!

Bach.

Ich war ein Bächlein, Junggesell;Sie habenMich so gefaßt, damit ich schnell,Im Graben,Zur Mühle dort hinunter soll,Und immer bin ich rasch und voll.

Gesell.

Du eilest mit gelass’nem MuthZur Mühle,Und weißt nicht, was ich junges BlutHier fühle.Es blickt die schöne MüllerinWohl freundlich manchmal nach dir hin?

Bach.

Sie öffnet früh bei’m MorgenlichtDen Laden,Und kommt, ihr liebes AngesichtZu baden.Ihr Busen ist so voll und weiß;Es wird mir gleich zum Dampfen heiß.

Gesell.

Kann sie im Wasser LiebesgluthEntzünden;Wie soll man Ruh mit Fleisch und BlutWohl finden?Wenn man sie Einmal nur gesehn,Ach! immer muß man nach ihr gehn.

Bach.

Dann stürz’ ich auf die Räder michMit Brausen,Und alle Schaufeln drehen sichIm Sausen.Seitdem das schöne Mädchen schafft,Hat auch das Wasser bess’re Kraft.

Gesell.

Du Armer, fühlst du nicht den Schmerz,Wie Andre?Sie lacht dich an, und sagt im Scherz:Nun wandre!Sie hielte dich wohl selbst zurückMit einem süßen Liebesblick?

Bach.

Mir wird so schwer, so schwer vom OrtZu fließen:Ich krümme mich nur sachte fortDurch Wiesen;Und käm’ es erst auf mich nur an,Der Weg wär’ bald zurückgethan.

Gesell.

Geselle meiner Liebesqual,Ich scheide;Du murmelst mir vielleicht einmalZur Freude.Geh’, sag’ ihr gleich, und sag’ ihr oft,Was still der Knabe wünscht und hofft.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Erster Band. Seite 191, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen, 1827
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Junggesell und der Mühlbach“, Fassung 3.434.545 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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