Stuttgart
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
40 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1928 (EA 1927)
Ich kam von Düsseldorf, dort sah ich Radschläger.Ich kam nach Stuttgart, dort trank ich SteinhägerDenn mit dem schwäbischen WeinScheint mir nicht allzuviel los zu sein,Wenigstens nicht mit dem billigen.Doch ich wohnte in dem Olgabau,Einem Schlosse einer hohen Frau,Die mir auch die besten Sorten tat bewilligen.Ach, ich schwirrte von Vergnügen zu Vergnügen.Schien auch dem Publikum zu genügen.Durfte über ein Auto verfügen,Fuhr mit diesem herrschaftlichen BenzWie eine quietschfidele EminenzNach Marbach an dem Hause vor,Wo Kodweiß Schillern einst gebor,Ging auch kollegial hinein(Scheinbar schien mir alles dürftig, ernst und klein),Sah mich also recht bescheiden eilig satt,Freute mich später kannibalisch dannÜber einen Brunnen Zum wilden Mann,Welcher Wilde zwei Feigenblätter hat,Und zwar nämlich eins vorn irgendwoUnd das andere ganz hinten vorm Popo.
Kehren wir nach Stuttgart nun zurück. –Und wer will, der mag dort bleiben. –Ich persönlich schwamm dort wie ein Schwamm im Glück,Heißt: Ich soff mich voll und ließ mich treiben.Nach der Wettermeldung war es kalt.Ich besuchte eine Irrenanstalt.Eine Schizophrenin sprach so wunderwirr.Ach, was ich noch alles schaute!Und wie fürstlich wohnte, wie gesagt, ich hier!Daß ich niemals mich aufs NachtgeschirrUnd auch sonst mir vieles nicht getraute.
Morgen zwölf Uhr lande ich bei dir.Und was bringe ich als Souvenir?Was von Stuttgart mit? – Manch treuen Gruß,Eine Probe des erwähnten Weines,Anekdoten und ein süßes, kleinesEmbryo in Spiritus.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Reisebriefe eines Artisten, S. 98, 99, 5.–9. Tausend, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928 (EA 1927)
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Stuttgart (Ringelnatz)“, Fassung 1.079.802 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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