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Versbuch

Lackschuh sprach zum Wasserstiebel

Joachim Ringelnatz · 18831934

29 Zeilen · zuerst gedruckt 1912

„Lieber Freund, du riechst so übel.Und du bist nach meiner MeinungEine störende Erscheinung.Darum muss wohl von uns beidenEiner dieses Schuhhaus meiden.“Stiefel lächelte dazuUnd begann: „Verehrter Schuh,Wenn du jenes Sprichwort kennst:Alles ist nicht Gold, was glänzt,Nimm es besser dir zu Herzen,Denn die Welt, sie liebt zu schwärzen,Was da glänzt, auch zieht sie keckDas Erhab’ne in den Dreck.Will dein Lack mir auch gefallen,Teurer Schuh, bedenke doch,Wenn der Lack in Staub zerfallen,Lebt das fette Leder noch.Niemals hieltest du den nassenKalten Wasserfluten Stand,Denn die Elemente hassenDas Gebild von Menschenhand.“Und der Schuh verbeugte sich.Darauf sprach er ernst und würdig:„Freund, ich überzeugte mich,Dass du mir ganz ebenbürtig.Leider war mir anfangs duster,Was mir jetzt Gewissheit ist,Dass du Meisterwerk vom SchusterWasser-Dichter Stiefel bist.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Schnupftabaksdose. Stumpfsinn in Versen und Bildern von Hans Bötticher und Richard Seewald (1889-1976). S. 19-20, 1. Auflage, R. Piper & Co., München, 1912
Digitalisat
de.wikisource.org — „Lackschuh sprach zum Wasserstiebel“, Fassung 3.780.304 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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