Kuttel Daddeldu im Binnenland
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
71 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1924
Schlafbrüchige Bürger von EisenachTapsten ans Fenster. Denn draußen gab’s Krach.Da sang jemand, der eine HängematteUnd ein Geigenfutteral auf dem Rücken hatte.Und ließ auch Töne frei, die man besserSich aufspart für Sturmfahrten im Auslandsgewässer.
Zehn Jahre zuvor und von Eisenach sehr entferntHatte Daddeldu bei Schwedenpunsch, Whisky, Rotwein und KuchenIn Grönland eine Gräfin Pantowsky kennengelernt,Die hatte gesagt: „Sie müssen mich mal besuchen.“Und zehn Jahre lang merkte sich Kuttel genau:Eisenach, Burgstraße 16, dicke, richtig anständige Frau.
Auch studierte bei Eisenach oder Wiesbaden herumSein Schwager zolologisches Studium;Für den schleppte Kuttel in dem FutteralSeit Bombay ein seltnes Geschenk herum.Nun, nach dem Untergange der Lotte Bahl,Wollte er Schwager und Gräfin sozusagenMit zwei Fliegen auf einer Klappe schlagen.
Rief also jetzt die nächtlichen thüringer LeutchenMit englischen Fragen an. Später mit deutschen.Aber die Gräfin Pantowsky kannte keiner.Und auf einmal las Kuttel an Luvseite „Zum Rodensteiner“Und kalkulierend, daß dort was zu trinken sei,Klopfte er. Teils vergeblich und teils entzwei.Weil weder Wirts- noch Freudenhaus noch RetiradeSich öffneten, sagte Daddeldu: „Schade“.Fand aber weitersteigend und unverdrossenDas Haus Burgstraße 16. Leider verschlossen.Die Tür zum Gräflich Pantowskychsen ZwetschengartenZersplitterte. Daddeldu hatte beschlossen zu warten.
Mittags im Pensionat KurtiusBewarfen die Mädchen nach UnterrichtsschlußMit Stöpsels und leeren KonservendosenEinen furchtbaren Kerl, der mit buchtigen HosenUnd einem imposanten ReversZwischen Ästen in Höhe des HochparterresIn einer Hängematte schliefUnd nicht reagierte auf das, was man rief.Als er doch endlich halbwegs erwachte,Weil von zwei Bäumen einer zur Erde krachte,Spritzten die Mädchen dem Manne Eau de Kolon ins Gesicht.Aber die Gräfin Pantowsky kannten sie nicht.Und verwirrt über die Falschheit des BinnenlandsNannte Kuttel die Vorsteherin „Alte Spinatgans!“Und taumelte schlaftrunken, römische Flüche stammelnd, zu Tal,Mit Hängematte, doch ohne das Dingsfutteral.
Alsbald, von wegen das Taumeln und Stammeln,Begannen sich Kinder um ihn zu sammeln.Und der Kinder liebende Daddeldu,Nur um die Kinder zu amüsieren,Fing an, noch stärker nach rechts und nach links auszugieren,Als ob er betrunken wäre. Und brüllte dazu:„The whole life is vive la merde!“Und wurde so polizeilich eingesperrt.An Gräfin Pantowsky glaubte dort keiner.Und der unglücklich nüchterne DaddelduGab den zerbrochenen Rodensteiner,Gab alles andre Gefragte eilig zuUnd drehte – ohne Tabak – in der NachtWie ein Log zwölf Knoten ins hölzerne Lager,Oder vielmehr in die Hängematte.Weil er das schöne Geschenk für den SchwagerIn der Mädchenpension vergessen hatte.Gewiß war das Futteral schon erbrochen,Und das Geschenk war herausgekrochenUnd hatte vielleicht schon wer-weiß-wen gestochen.
Später im D-Zug, unter der Bank hinter lauter ängstlichen Beinen,Fing Daddeldu plötzlich an, zum einzigsten Male zu weinen(Denn später weinte er niemals mehr.) – –Beide Flaschen Eau de Kolon waren leer.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Kuttel-Daddeldu, S. 33–35, Kurt Wolff Verlag, München, 1924
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Kuttel Daddeldu im Binnenland“, Fassung 3.946.418 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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