Der Weihnachtsbaum
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
70 Zeilen · zuerst gedruckt 1910
Es ist eine Kälte, daß Gott erbarm!Klagte die alte Linde,Bog sich knarrend im WindeUnd klopfte leise mit knorrigem ArmIm FlockentreibenAn die Fensterscheiben.Es ist eine Kälte, daß Gott erbarm!Drinnen im Zimmer war’s warm.Da tanzte der Feuerschein so nettAuf dem weißen Kachelofen Ballet.Zwei Bratäpfel in der Röhre belauschtenWie die glühenden KohlenBehaglich verstohlenKobold- und Geistergeschichten tauschten.Dicht am Fenster im kleinen RaumDa stand, behangen mit süßem Konfekt,Vergoldeten Nüssen und mit Lichtern besteckt,Der Weihnachtsbaum.Und sie brannten alle, die vielen Lichter,Aber noch heller strahlten am Tisch(Es läßt sich wohl denkenBei den vielen Geschenken)Drei blühende, glühende Kindergesichter. –Das war ein GeflimmerIm Kerzenschimmer!Es lag ein so lieblicher Duft in der LuftNach Nadelwald, Äpfeln und heißem Wachs.Tatti, der dicke Dachs,Schlief auf dem Sofa und stöhnte behaglich.Er träumte lebhaft, wovon, war fraglich,Aber ganz sicher war es indessen,Er hatte sich schon (die Uhr war erst zehn)Doch man mußte ’s gestehn,Es war ja zu sehn,Er hatte sich furchtbar überfressen. –Im Schaukelstuhl lehnte der HerzenspapaAuf dem nagelneuen Kissen und sahÜber ein Buch hinweg auf die liebe Mama,Auf die Kinderfreude und auf den Baum.Schade, nur schade,Er bemerkte es kaum,Wie schnurgeradeDie Bleisoldaten auf dem Baukasten standenUnd wie schnell die Pfefferkuchen verschwanden.– Und die liebste Mama? – Sie saß am Klavier.Es war so schön, was sie spielte und sang,Ein Weihnachtslied, das zu Herzen drang.Lautlos horchten die andern Vier.Der Kuckuck trat vor aus der Schwarzwälderuhr,Als ob auch ihm die Weise gefiel. – –Leise, ergreifend verhallte das Spiel.Das Eis an den Fensterscheiben tauteUnd der Tannenbaum schauteDurchs Fenster die LindeDa draußen, kahl und beschneitMit ihrer geborstenen Rinde.Da dachte er an verflossene ZeitUnd an eine andere Linde,Die am Waldesrand einst neben ihm stand,Sie hatten in guten und schlechten TagenEinander immer so lieb gehabt.Dann wurde die Tanne abgeschlagen,Zusammengebunden und fortgetragen.Die Linde, die Freundin, die ließ man stehn.Auf Wiedersehn! Auf Wiedersehn!So hatte sie damals gewinkt noch zuletzt. –Ja daran dachte der Weihnachtsbaum jetztUnd keiner sah es, wie traurig dannEin Tröpfchen Harz, eine stille Träne,Aus seinem Stamme zu Boden rann.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 43–45, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Weihnachtsbaum (Ringelnatz)“, Fassung 3.466.728 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.