In Betrachtung eines Teppichs
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
23 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1934
Schön bist du, obwohl abgetreten,Viele Füße gingen hin und herUnd kreuz und querÜber dich. –
Bei TapetenKommt das nicht vor (ist zu schwer).
Wechselnd saugen sie an dir, schlagenUnd trampeln dich bei Tag und bei Nacht.Und du hast so viel BehagenIn diese Wohnung gebracht.
Mich interessiert nicht, wer dich gewebtHat, wo du geboren bist.Mich interessiert nur, was in dir lebt. –Dein Leben ist Zwist.
Ich fühle mich selber so ausgerolltEin Langeslang beschritten.Nun das hat mein Schicksal so gewollt.
So wird auch ein Sattel zerritten.So bleicht auch Farbe. So schrumpft die Wand.
Teils leuchtend, teils verschlissen,Dienst du. –
Hast du – – Hat ein GegenstandWohl ein Gewissen? – ? – ?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Gedichte von Einstmals und Heute S. 30–31, Ernst Rowohlt, Berlin, 1934
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „In Betrachtung eines Teppichs“, Fassung 3.779.216 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.