In Zelle 108
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1910
In der Gefängniszelle 108Erschien die langvergessne Sehnsucht wieder.Vom hohen Fenster stieg sie mild und sachtAn einem schmalen Sonnenstrahl hernieder.
Sie grüßte einen müden, kranken MannUnd sang ein Lied in seine wachen Träume,Bis eine Träne auf sein Lager rann.Da wuchsen aus der Träne grüne Bäume.
Und Wiesen, blütenbunt und sonnenhell,Entstanden rings und hauchten zarte Düfte.Durch frisches Grün sprang lustig wild ein Quell.Ein Vogelschlag durchjubelte die Lüfte.
Und sieh, der Kranke war nicht mehr allein,Denn eine Schar von Dienern stand im Garten.Die riefen: „Herr, viel Gold und Glanz ist deinSieh uns als Diener deinen Wunsch erwarten.“
Der aber sprach und lächelte dabei:„Nehmt Gold und Glanz und lebt damit zufrieden!Ich habe keinen Wunsch, ich – – bin ja frei.Geht hin! Euch sei dasselbe Los beschieden.“
Aus der Gefängniszelle 108Ward selben Tags in später DämmerstundeEin toter, alter Mann herausgebracht.Ein Lächeln lag auf seinem bleichen Munde.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 46, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „In Zelle 108“, Fassung 2.543.411 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.