Faschingsvollmond
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
24 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1929
Ein Freund, ein Dieb aus der Nähe von Metz,Wollte mich betrunken machen.Es gelang ihm durch dauerndes Anstoßen.Wir stolperten über ein Polizeigesetz,Lagen dann in zwei stecknadelgroßenBlutlachen.
„Warum willst du mich denn betrunken machen?“Frug ich. – „Um Dich zu berauben!“ –Diesem Freunde konnte ich glauben;Er küßte mir oft die Hände, in Wien. –Nun lag er mit rührend blutender NaseMitten in der TheresienstraßeNeben mir. Wo uns der Vollmond beschien.
Wir wollten einander aufraffen,Aber Der Mann im Monde tratEben in den Hof seines MondesUnd signalisierte uns: Lohnt esSich, einen Hofhund hier anzuschaffen?Oder empfehlen Sie Stacheldraht?
Ein Schutzmann kam und nahm eins von uns beiden.Ich ließ meinem Freunde zur AufbewahrungDie Brieftasche. Aber nicht nur das Scheiden,Auch andres tut weh. Zum Beispiel Erfahrung.
Ich kann die Gegend um Metz nicht leiden.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Faschingsvollmond“, Fassung 3.780.166 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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