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Versbuch

Fernflug

Joachim Ringelnatz · 18831934

72 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1929

Viel Höflichkeit wird uns am Start geboten.Die Flugfahrthelfer und PilotenSind wohlerzogen, pflichtbewußtUnd jung. Auch die, die alt an JahrenSind zeitvoran, doch welterfahren.

Da schwellt sich auf dem Festplatz unsre Brust,Denn Festplatz darf ich diesen Flugplatz nennen,Mit seinen Masten, Flaggen und Antennen.Gezähmte Riesenvögel gibt’s zu sehn.Dort landen sie in Kurven, sanft gelenkt,Torkeln ein wenig, zwei, drei Schritte,Daß man an Regenschirm und Raben denkt,Und stehn.„Aussteigen bitte!“

Und wie nun wir in ihrem Bauch bequemIn weiche Polsterstühle niedersinken,Empfinden wir den Fortschritt angenehm,Lächeln durchs Fenster Menschen zu, die winken.Und fahren plötzlich über grüne WiesenIm Auto hin. Auto? O nein, wir schwebenBereits. Ach, daß wir das erleben,Erlernen durften und genießen!Wir sind vom Erdball fort, schau’n auf ein TeppichmusterAus Wäldern, Feldern, Spielzeugkram gewebt,Werden der Himmelsnähe jäh bewußter.Wie klein sich doch da unten alles lebt.

Dort geht ein Dienstmädchen von Stadt zu Stadt.Wie ich den weiten Schlängweg überseh,Den sie zurückzulegen hat,Weiß ich, der tun nachher die Beine weh.

Und wie wir höher streben, werdenDie Dinge unten winziger, schon sindWagen nur noch Insekten, ist ein KindNurmehr ein Punkt, und große RinderherdenSehn aus wie Kommas, kreuz und quer gestellt.Die Schifflein stehen still im Fluß, sind Würmlein.Ein Dorf ist Häufchen Häuschen, um ein Türmlein,Und das war unsre sorgenvolle Welt.

„Ei, ei, Herr Nachbar, warum plötzlichSo blaß – Seekrank? Nein? Drückt Ihr KissenOder vielleicht Ihr ängstliches Gewissen?Der Blick zur Tiefe ist doch höchst ergötzlich!“Jetzt: unter uns entrollen sich Balladen.Da ziehen dichtgeballte Nebelschwaden,Wolkenkolosse hin, bedrückt und stummUnd grell von höherer Gewalt besonnt.Und Land und Luft verschwimmt am HorizontIn einer Landschaft aus dem Arktikum.

Und da wir nun noch höher uns erhebenUnd auf die dunkle, starre Erde schauen,Wo sich kein Mensch mehr zeigt, kein Tier, kein Leben,Als hätte eine Sündflut – – O mit GrauenStell ich mir vor, wir säßen jetzt zu zweinIn einer Arche Noah ganz allein.

„Nachbar, ich höre Ihren Pulsschlag pochen.Sie schielen ängstlich nach den schlanken Knochen,Die unsres Vogels Flügel stützenUnd, wie Sie meinen, unser Leben schützen.Es stirbt sich sowieso und überall,Und jedes Ding veranlaßt Unglücksfall.

Vergessen Sie nicht töricht über diesenGedanken, schönste Freiheit zu genießen.Was Tage einst, das schaffen heute Stunden.Noch kurze Zeit, dann werden wir’s erfinden,Den Nebel und den Schnee zu überwinden.Das Flugzeug selber ist erfunden,Und wird so wie die Eisenbahn bestehn.Wie die zu jenem sich verhält,Gilt’s nicht, daß eins von beiden siege.Es reise jeder, wie es ihm gefällt.Ich – läßt es irgendwie sich drehn –Ich fliege!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
Digitalisat
de.wikisource.org — „Fernflug“, Fassung 3.780.013 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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