Einsiedlers heiliger Abend
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1933
Ich hab’ in den Weihnachtstagen –Ich weiß auch, warum –Mir selbst einen Christbaum geschlagen,Der ist ganz verkrüppelt und krumm.
Ich bohrte ein Loch in die DieleUnd steckte ihn da hineinUnd stellte rings um ihn vieleFlaschen Burgunderwein.
Und zierte, um Baumschmuck und LichterZu sparen, ihn abends noch spätMit Löffeln, Gabeln und TrichterUnd anderem blanken Gerät.
Ich kochte zur heiligen StundeMir Erbsensuppe mit SpeckUnd gab meinem fröhlichen HundeGulasch und litt seinen Dreck.
Und sang aus burgundernder KehleDas Pfannenflickerlied.Und pries mit bewundernder SeeleAlles das, was ich mied.
Es glimmte petroleumbetrunkenSpäter der Lampendocht.Ich saß in Gedanken versunken.Da hat’s an der Türe gepocht,
Und pochte wieder und wieder.Es konnte das Christkind sein.Und klang`s nicht wie Weihnachtslieder?Ich aber rief nicht: „Herein!“
Ich zog mich aus und ging leiseZu Bett, ohne Angst, ohne Spott,Und dankte auf krumme WeiseLallend dem lieben Gott.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- 103 Gedichte, S. 80–81, 1. Auflage, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Einsiedlers heiliger Abend“, Fassung 3.778.487 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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