Entschuldigungsbrief
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1933
Mein lieber S., als ich am andern TagErwachte, wußte ich nicht mehr Genaues.Ich hab ein rotes Auge, Ruth ein blaues.Wie sich das zugetragen haben mag!!
In meinem Anzug klebt ein Pfund Spinat.Wie kam das nur? Ich weiß nur noch, daß DeineFrau oder Oskars in den Spiegel trat.Doch wer goß Hermann Suppe auf die Beine?
Ich gebe zu, daß ich den Anlaß gab.Ich war besoffen wie noch nie seit Wochen.Verzeiht mir, was ich ge-, zer- und verbrochenUnd daß ich Fips mit Wachs beträufelt hab’.
Nun sind wir alle plötzlich jäh entzweitUnd waren Freunde, die nie beßre finden.Man sollte bei solch reicher FestlichkeitLieber mehr essen und sich überwinden.
Wie war die Bowle gut und der Fasan!Vorbei. – Am liebsten würd’ ich mich erhängen. –Verdammt nicht ganz den, der das PorzellanEuch gern ersetzen will. Ohne sich aufzudrängen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- 103 Gedichte, S. 42–43, 1. Auflage, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Entschuldigungsbrief“, Fassung 3.848.812 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.