Königsberg in Preußen
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
33 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1928 (EA 1927)
KÖNIGSBERG IN PREUSSENIch habe – fall nicht um vor Schreck –Ein richtiges Gedicht gemacht.Und ist sogar ein gut Gedicht!Ich dichtete im BlutgerichtBei Sekt und Königsberger Fleck.Ich nenne es „Sehnsuchtsschwüle Nacht“ –Das sind Gedärme und Eingeweide.Es ist nach Meinung von zwei Soldaten,Die selber dichten, sehr schön geraten.Der Inhalt ist „Mondschein – Liebespaar – Heide“.Es fehlen mir noch die letzten Zeilen.Ich sende dir später eine Kopie.Ich will auch noch an der Überschrift feilen.Man tut sich schwer mit der Poesie.Doch ich glaube, daß ich noch manches mache.Das Reimen ist übrigens Nebensache.Es muß nur gewisse Eindrücke auslösen.
Hier weht so ein frischer östlicher Wind.Ich bin im Schloß und UniversitätUnd einmal bei Journalisten gewesen.Die nach allen Seiten gebildet sind.Nur ist es morgens hier immer sehr spät.Und auch auf dem Viehmarkt herrscht Tempo und Leben.Man muß sich in alles einmal vertiefen.Wie sich Metzger dort Handschlag geben,Zum Beispiel, – das schildert sich gar nicht in Briefen.Und ist auch nicht weiter interessant.
Aber lies mal Immanuel Kant.Das sind natürlich nicht LiebesgeschichtenSondern ein Philosophengenuß.Morgen bin ich in Memel. – Jetzt mußIch weiter Sekt trinken und feilen und dichten.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Reisebriefe eines Artisten, S. 106–107, 5.–9. Tausend, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928 (EA 1927)
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Königsberg in Preußen (Reisebriefe eines Artisten)“, Fassung 2.316.963 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.