Die Waisenkinder
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
36 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Zwanzig grobe Strohhüte gehenZwei und zwei wie Militär.Zwanzig schwarze Pelerinchen wehen,Als wenn’s zum Begräbnis wär.
Magre Lehrerin voraus,Hinten magre zweite,Eine dritte an der Seite,Also zieht aus engem HausEine Schlange in die Weite.
Hilfe! Mitleid! Und Beschwerde!Zwanzig arme Waisenkinder,Streng getrieben, eine HerdeJunger Rinder –.
Weil mich meine Mutter knufft,Und um Stärkres zu vermeiden,Sag ich: „Ja, man läßt sie weidenIn der frischen, freien Luft.“
„Weiden? – Dummheit! Siehst du nicht,Was hier vorgeht, roher Bengel!Junge Blumen brauchen Licht,Wärme, Erde, Wurzel, Stengel –.“
„Manche brauchen Mist, Mama,Weil sie anderes vermissen,Und der ist – wer kann es wissen –Hier vielleicht sehr reichlich da.“
Meine Mutter ruckt, – schluckt:
„Treibt mit diesen Engeln Spott!Und mich will er nicht verstehen.Warte, dir wird’s schlimm ergehen!Und das wünsch ich dir. Bei Gott.“
Meine Mutter drehtRücken zu und geht.
Und nun sauf ich wo, wo keineRinder, Blumen, Engel sind,Bin für mich oder für meineMutter Naseweisenkind.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 160–161, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Waisenkinder“, Fassung 3.579.781 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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