Über meinen gestrigen Traum
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
36 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1929
Wie kam ich gerade auf ein Gestirn?Du sagst: Ich stöhnte träumend ganz laut.Vielleicht steigt die Phantasie ins Hirn,Wenn der Magen verdaut.
Man sollte kurz vorm SchlafengehenNichts essen. Auch war ich gestern bezecht.Doch warum träume ich immer nur schlecht,Nie gut. Das kann ich nicht verstehen.
Ob auf der Seite, ob auf dem RückenOder auch auf dem Bauch – –Immer nur Schlimmes. „Alpdrücken.“Aber Name ist Schall und Rauch.
Meist von der Schule und vom Militär – –Als ob ich schuldbeladen wär – –Und wenn ich aufwache, schwitze ichUnd manchmal kniee ich oder sitze ich,Du weißt ja, wie neulich!O, es ist greulich.
Warum man das überhaupt weitererzählt?Hat doch niemand Vergnügen daran,Weil man da frei heraus lügen kann. –Aber so ein Traum quält.
Gestern hab ich noch anders geträumt:Da waren etwa hundert Personen.Die haben die Dachwohnung ausgeräumt,Wo die Buchbinders wohnen.
Dann haben wir auf dem Dachsims getanzt.Dann hast du mich, sagst du, aufgeweckt,Und ich, sagst du, sagte noch träumend erschreckt:„Ich habe ein Sternschnüppchen gepflanzt.“
Ich weiß nur noch: ich war vom DachPlötzlich fort und bei dir und war wach.Und du streicheltest mich wie ein PüppchenUnd fragtest mich – ach, so rührend war das –Fragtest mich immer wieder: „WasHast du gepflanzt!? Ein Sternschnüppchen?“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Über meinen gestrigen Traum“, Fassung 3.779.608 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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