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Versbuch

Hong-Kong

Joachim Ringelnatz · 18831934

36 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1928 (EA 1927)

Ich erhielt heute deinen beleidigten Brief.Deine Nachschnüffelein kränken mich tief.Und erstens ist Tay-Fi kein Frauenzimmer,Dann zweitens treiben es andre viel schlimmer,Und drittens hab’ ich – parteilos betrachtet –Zwar mit ihr in einem gemeinsamen ZimmerIm Grand Hotel Discrétion übernachtet,Doch war überhaupt nur dieses Zimmer noch frei,Und wie die Betten zunander standen,(Vergleiche die kleine Skizze anbei)Ist gar kein Grund zu Verdächten vorhanden. –Im übrigen weißt du: Ich liebe dich sehr.So lange von dir getrennt zu sein,Erträgt aber niemand. Ich bin doch kein Stein,Und ich brauche – ganz schroff gesagt: mehr Verkehr.Alle Männer, auch Frauen, ganz nebenherGesagt, alle Völker brauchen dasselbe!Und diese blöde, luetische, gelbeChinesin kommt ernstlich doch nicht in Betracht.Wir haben uns halt mal per Zufall gefundenUnd ein paar anregende Stunden verbracht.Man kann doch nicht ewig die ausgeschwätzteGleiche Gesellschaft und Gegend erleben.

*

Wenn man alle Münchner nach Preußen versetzteUnd umgekehrt. Und auch andererseits,Etwa die Fakire nach der Schweiz. –Was würde das Perspektiven ergeben! –Wollen doch nicht am Alltäglichen kleben.Großzügig sein! Also zürne nicht mehr. –Du weißt, welche Zeit dein Brief bis hierherBei dem miserablichten DampferverkehrGebraucht, und wie lange es wiederum währt,Bis du endlich meine Rückantwort liest.Und dann – und ich habe das eben beniest –Ist doch die ganze Affäre verjährt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Reisebriefe eines Artisten, S. 110, 111, 5.–9. Tausend, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928 (EA 1927)
Digitalisat
de.wikisource.org — „Hong-Kong“, Fassung 1.090.671 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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