Der traurige Onkel
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1928 (EA 1927)
Wundre dich nicht, wenn ich weine,Weil ein Mensch doch dann und wannTrotz des besten Willens seineSorgen nicht verbergen kann.
Nimm aus meiner SchreibtischladeDen Revolver mir nicht fort,Auch das Gift nicht. Und verrateNiemanden davon ein Wort.
Und du selber sollst nicht weinen,Wenn du über mich was liest,Oder wenn du plötzlich meinenHut im Wasser treiben siehst.
Frage nicht, warum ich heuteEtwa etwas seltsam bin.Grüße bitte meine Leute. –Schau das Laub! – Es welkt dahin.
Bleibe glücklich und genießeDu das Leben im Erblühn.Wenn du Zeit hast, so begießeManchmal dieses Immergrün.
Was für Absichten ich hege?Frage nicht. – Nimm diesen Kuß,Und dann geh ich jene Wege,Die ich einmal gehen muß.
Noch ein Küßchen auf das kleineNäschen. Noch eins auf den Mund.Ach was hast du süße Beine. –Zeig mal! – Und wie bist du rund!
Ach, mir darfst du das schon zeigen,Denn du bist doch schon so gutWie erwachsen und kannst schweigen,Wenn dein Onkel etwas tut!?!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Reisebriefe eines Artisten, S. 59–60, 5.–9. Tausend, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928 (EA 1927)
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der traurige Onkel“, Fassung 3.449.459 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.