Die Litfaßsäulen
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1933
Es stehen die LitfaßsäulenVerstreut, den Leuchttürmen gleich,Und lassen vom Wind sich umheulenUnd werden im Regen ganz weich.
Und rufen und locken und preisenAus buntem und grellem PapierUnd drohen und stechen und beißenUnd lügen noch schlimmer als wir.
Früh lehnt ein Mann eine LeiterAn das, was Litfaß erfand.Er reißt ihr vandalisch doch heiterIn Fetzen das bunte Gewand.
Nachdem er sie darauf bekleistert –Als brächte ihn Nacktes in Zorn –Klebt er ihr wieder begeistertViel Buntes auf Hinten und Vorn.
Theater ... – Auktion ... – Zigaretten ... –Wohltätigkeits... – Raubmord ... – Und SportProteste ... – Amtliche ... – Betten ... –Kurz alles in Bild oder Wort.
Ich lese das ernst ohne Pause.Mich interessiert so was sehr.Und meiner Frau sag’ zu HauseIch alles dann auswendig her.
Ihr Sinn für Romane, GedichteUnd Zeitungen ist nicht so groß.Sie hört meine Litfaßberichte,Und abends ziehn wir dann los.
Und wie, wie in Sturm und Wellen,Die Litfaßsäulen starr stehn,So sollen am AktuellenAuch wir nicht etwa achtlos vorübergehn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- 103 Gedichte, S. 14–15, 1. Auflage, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Litfaßsäulen“, Fassung 3.778.578 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.