Ein Traum
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
32 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1910
Es war nur ein Traum, doch es war eine Pracht!Ich glaubte in mondscheinsilberner NachtAuf schwellendem Rasen zu liegen.Ein glänzendes Schloß erhob sich kühnUnd ich sah aus dem Fenster epheugrünEin Märchenkind lauschend sich biegen.
Ein Mädchengesicht, so lieb, so traut,Wie ich es nimmer zuvor geschaut.
Gleich flüssigem Golde erglänzte ihr HaarUnd ich las in dem dunklen AugenpaarEin wehmütig banges Erwarten.Ein leiser Wind erquickte die LuftUnd trug einen süßen, berauschenden DuftVom Holunderbusch durch den Garten.
Dort saß an des Springbrunns SprudelquellGeigend ein müder Wandergesell.
Und als dann – und das war so schön in dem Traum –Eine Nachtigall hoch im LindenbaumMit einstimmte in seine LiederUnd schluchzend sang, wie von Schmerz und Lust,Da war es, als fiele auf meine BrustDas Glück wie ein Morgentau nieder. – –
Die alten Linden seufzten im Wind.Im Schlosse weinte das Märchenkind.
Da flog aus dem Schatten gespenstig vom DachEine Fledermaus auf. Da wurde ich wachUnd alles war plötzlich verschwunden.
Ödes Erwachen. Wie leerer SchaumZerronnen war alles, was ich im TraumSo selig geschaut und empfunden. – –
Doch wie ein Trost kams über mich dann:O glücklich, wer noch so träumen kann!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 18–19, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ein Traum (Ringelnatz)“, Fassung 3.704.576 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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