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Versbuch

Die lange Nase

Joachim Ringelnatz · 18831934

32 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1910

(Eine Parabel)

Hans wird der Nasenkönig genannt,Denn er hat eine lange Nase.Sie rufen’s ihm nach auf der Straße.Hans läßt sie rufen; er macht sich nichts draus,Die Eltern und Bruder und Schwester zu Haus,Sie lachen ja alle so oft ihn ausUnd spotten über die Nase.Hans kommt in die Schule. Er hört, daß man lacht,Daß man sich über ihn lustig macht,Daß man vom Nashorn, vom Rüsseltier sprichtUnd von der Gurke in seinem Gesicht. –So folgt ihm der Ulk auf Schritt und TrittUnd Hans lacht mit.

Er wird ein Soldat. Er wird ein MannUnd überall trifft er den Spottvogel an.Der pfeift und singt und läßt keine Ruh.Hans lacht dazu.Hans lacht dazu, wenn man witzelt und höhnt,Er hat mit der Zeit sich daran wohl gewöhnt.

Hans freite des Nachbars Liesel so gernDa drüben über der Straße.Und er fragt ganz schüchtern mal bei ihr an,Da sagt ihm die Liesel: Sie mag keinen MannMit einer so langen Nase. – –

In der Nacht, im Garten vorm Rasenplatz,Da küßt sich die Liesel mit ihrem Schatz.Sie tanzen, sie springen, sie singen vereint,Und drüben, über der Straße,Im Stübchen, wo noch die Lampe scheint,Sitzt Hans vorm Spiegel und weint und weintÜber die lange Nase.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 41–42, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die lange Nase (Ringelnatz)“, Fassung 3.529.279 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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