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Versbuch

Der wilde Mann, die weiche Mann, das Vielemann

Joachim Ringelnatz · 18831934

44 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1928

1.Auf! Laßt uns irgend jemanden erschlagen!Sie fragen: Wen?Wie feig schon, überhaupt zu fragen.Halt irgend wen, den oder den.

So irgend jemand mitten aus der MitteUrplötzlich töten, hei, wie das belebt!Weil’s Aufsehn macht.Denn Töten ist nicht Sitte,Sondern ein Sport, vor dem die Mehrheit bebt.

Nicht solche töten, die uns Grund gegeben,Noch etwa Greise oder Weib und Kind,Auch laßt uns Töter gegenseitig leben,Weil wir doch schließlich keine Henker sind.

Was über achtzig Jahr und unter zehnJahr ist, sind faule, unbrauchbare Drohnen.Den andern aber muß man zugestehn,Daß sie was leisten, und die laßt uns schonen.

2.Auf! Laßt uns all mitnander Ei-ei machen!Auf! Fistet Pazi und seid friedlich froh!Verklebt aus Liebe unter heitrem LachenMit Bruderkuß den feindlichen Popo.

Krieg, Haß und Neid und alle widrigenGefühle fort! Dem Herzen gebt Gehör!Wir wollen uns freiwillig selbst erniedrigen.Und wer uns anspeit, sei uns Parfumeur.

Ein Reich zu gründen und dafür zu werbenGilt es, das uns ganz und gar dem Himmel gleicht.Seid überzeugt: Wir werden drüber sterben.Doch, wenn wir leben blieben, wär’s erreicht.

3.Warum denn immer alles übertreiben?Warum denn links? Warum denn rechts?Um Gottes willen, laßt uns mäßig bleiben,Nicht männlichen, nicht weiblichen Geschlechts.

Hübsch angepaßt und jede Reibung meiden!Nicht hart, nicht weich! Nicht Ja, nicht Nein!Auf alles hören und sich nie entscheiden.Wer weiß, wie’s kommt. Man muß gewappnet sein.

Denn golden ist der goldne Weg der Mitte.Man ißt und zeugt und schläft schön ungestört,Regt sich nicht auf um „danke“ oder „bitte“Und weiß und lebt und stirbt, wie sich’s gehört.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Allerdings, S. 65–66, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der wilde Mann, die weiche Mann, das Vielemann“, Fassung 3.466.992 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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