Das dunkle Bild
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1910
Ein Bild geschwärzt durch Rauch und Zeit.Die meisten wohl verstanden es nicht:Ein Tannenwald vereist und verschneit.Aus fernem Dunkel schimmert ein Licht.
Mir kommt ein heiß VerlangenDem Lichtschein nachzugehenUm dann mit erglühenden WangenStill durchs Fenster zu sehen.
Ein Freundeskreis zu später StundUmglüht von dämmerndem AmpelscheinUnd blonde Frauen in diesem Bund.Lachende Jugend bei goldenem Wein.
Und bärtige Männer geigenLieder aus fremden Ländern.Süß lockt aus buntem ReigenDas Rauschen von Gewändern.
Taufrische Blüten duften mildUnd sprühen in Farben wie GeschmeidUnd Augen erzählen trunken wildVon Liebe, Treue und tiefem Leid.
In Farb und Klang verwebenSich Bilder, zerfließen, zerschäumen,Bilder aus meinem Leben,Bilder aus meinen Träumen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 14, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das dunkle Bild“, Fassung 2.551.790 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.