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Versbuch

Das Gesellenstück

Joachim Ringelnatz · 18831934

46 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1924

Mahagoni auf Eiche furniert.Deckel sauber scharniert.Alle Bretter gefedert, gespundet.Die Ecken fein weich gerundet.Die Seitenwände mit tiefgeschnitztenWeintrauben und Schellfischen geziert.Das war bei Weber in OsnabrückMein Gesellenstück.

Selbst Wasmann und Peter sagten 1910:Solch einen Sarg hätten sie noch nie gesehn.

Ohne mich rühmen. Das soll einer machen.Und dabei alles selber gemacht.Die Griffe kupfergeschmiedete Drachen,Die Füße gedrechselt (((Acht, sacht, Pracht, lacht, gedacht))),Auf den Deckel in Rundschrift fein säuberlichEingebrannt: „Sarg für Frau (Doppelpunkt Strich)“.Innwendig ein roßhaargepolstertes Bett,Rosa Pünktchen auf Gelb-Violett.Ich habe manchmal des Studiums wegenVierundzwanzig Stunden darin gelegen.Da war ein durch schöne Bilder verdecktesSpeiseregal zur linken Hand,Wo Camembert, Zwieback und Butter standUnd Trockengemüse und Eingewecktes. –

Auf den leisesten Druck mit der Zehe im SchlafLöste sich zu Fußende ein KinematographUnd zeigte abwechselnd „Brudermord“Und „Torpedoangriff an Steuerbord“.Alle zwei Stunden von selbst automatischSpielte ein Grammophon ganz zart:„Ich bin der Doktor Eisenbart.“Außerdem roch es dort sehr sympathischNach Moschus, Kampfer und kalter Küche.Von wegen die Leichengerüche.

Und dann die Technik und das Komfort:Kalender, das Telephon rechts am Ohr,Glühbirnen und Klingeln. Ein tolles Gewirr.Auch ein kleines, versilbertes Nachtgeschirr. –Und Wasserstandglas und Thermometer.Kurz herrlich! herrlich! – Wasmann und PeterHätten mir glattweg fünftausend MarkUnd doppelt soviel gezahlt für den Sarg.Und das war damals ein Geld, wenn man’s denkt.

Aber ich hänge nicht so am Golde. –Und so hab ich ihn dann meiner Tante IsoldeZum 70. Geburtstag geschenkt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Kuttel-Daddeldu, Seite 57–58, Kurt Wolff Verlag, München, 1924
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Gesellenstück“, Fassung 3.778.676 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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