Bist du nie durch verschneite Nächte gegangen
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
28 Zeilen · zuerst gedruckt 1910
Durch Wald, über Land,Allein mit dem Stock in deiner Hand?Du bist es und bist es mit heiligem Bangen.Wo zitternde Äste, eisig behangen,Dir eine Kirchenstunde gaben,Ist dein Lachen gestorben.Da hast du dein Bestes, unverdorben,Aus deinen tiefsten Tiefen gegraben. – – –Auf den weiten Feldern lag schwerer Schnee.Du schienst dir, verschollen auf hoher See,Den menschlichen Küsten fern zu sein.Stille lag über dem Schnee. – – –Du warst allein, allein – ganz allein.Flimmernde Flämmchen sahst du fliegen.Hast du nicht viel gedacht?Ist nicht dein Blick emporgestiegenIn die wunderdurchfunkelte Nacht,Bis ihn unendliche Weite verwirrt?Und ein Schatten lief still mit dir um die Wette.Und der Schatten hat mit der endlosen KetteEwiger Fragen geklirrt.Du hast dich bezwungen.Du hast vielleicht deinen Stock geschwungen,Du hast vielleicht ein Liedchen gesungen,Aber das Liedchen klang nicht wie HohnUnd du darfst es bekennen:Du bist voll Angst vor dem grausen Schatten geflohn,Den wir Wahnsinn nennen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 8, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Bist du nie durch verschneite Nächte gegangen“, Fassung 2.532.908 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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