Gespräch
Hugo von Hofmannsthal · 1874–1929
53 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1922
DER JÜNGERE:Ihr gleicht nun völlig dem vertriebnen Herzog,Der zaubern kann und eine Tochter hat:Dem im Theaterstück, dem Prospero.Denn ihr seid stark genug, in dieser StadtMit eurem Kind so frei dahinzuleben,Als wäret ihr auf einer wüsten Insel.Ihr habt den Zaubermantel und die Bücher,Mit Geistern zur Bedienung und zur LustEuch und die Tochter zu umgeben, nicht?Sie kommen, wenn Ihr winkt, und sie verblassen,Wenn Ihr die Stirne runzelt. Dieses KindLernt früh, was wir erst spät begreifen lernten:Daß alles Lebende aus solchem StoffWie Träume und ganz ähnlich auch zergeht.Sie wächst so auf und fürchtet sich vor nichts:Mit Tieren und mit Toten redet sieZutraulich wie mit ihresgleichen, blühtSchamhafter als die festverschloßne Knospe,Weil sie auch aus der leeren Luft so etwasWie Augen stets auf sich gerichtet fühlt.Allmählich wird sie größer, und ihr lehrt sie:»Hab du das Leben lieb, dich nicht zu lieb,Und nur um seiner selbst, doch immerfortNur um des Guten willen, das darin ist.«In all dem ist für sie kein Widerspruch,Denn so wie bunte Muscheln oder VögelHat sie die Tugend lieb. Bis eines TagesIhr sie vermählt mit Einem, den Ihr völligDurchschaut, den ihr geprüft auf solche Art,Die kein unedler Mensch erträgt, als wäre erSchiffbrüchig ausgeworfen auf der Insel,Die ihr beherrscht, und ganz euch zugefallenWie Strandgut.
DER ÄLTERE:Nun meine ich, ist mir ein Maß geschenkt,Ein unveränderlich und sichres Maß,Das mich für immer und untrüglich abhält,Ein leeres Ding für voll zu nehmen, michFür Schales zu vergeuden, fremdem FühlenUnd angelerntem Denken irgend PlatzIn einer meiner Adern zu gestatten.Nun kann zwar Krankheit, Elend oder TodMich noch bedrohen, aber Lüge kaum.Dazu ist dies mein neues Amt zu vollEinfacher Hoheit. Und daran gemessenVergeht erlogne Wichtigkeit zu Nichts.Ins Schloß gefallen sind die letzten Türen,Durch die ich hatte einen schlimmen WegAntreten können. Durch und durch verstört,Im Kern beschmutzt und völlig irr an GüteWerd ich nun nicht mehr. Denn mich hat ein GlanzVom wahren Sinn des Lebens angeglüht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 51–52, Insel Verlag, Leipzig, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gespräch (Hugo von Hofmannsthal)“, Fassung 3.026.777 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.
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