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Versbuch

Ritter Olaf

Heinrich Heine · 17971856

81 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1844

X.Ritter Olaf.1.Vor dem Dome stehn zwey Männer,Tragen beide rothe Röcke,Und der Eine ist der KönigUnd der Henker ist der Andre.

Und zum Henker spricht der König:„Am Gesang der Pfaffen merk’ ich,Daß vollendet schon die Trauung –Halt’ bereit dein gutes Richtbeil.“

Glockenklang und Orgelrauschen,Und das Volk strömt aus der Kirche;Bunter Festzug, in der MitteDie geschmückten Neuvermählten.

Leichenblaß und bang und traurigSchaut die schöne Königstochter;Keck und heiter schaut Herr Olaf,Und sein rother Mund, der lächelt.

Und mit lächelnd rothem MundeSpricht er zu dem finstern König:„Guten Morgen, Schwiegervater,Heut ist Dir mein Haupt verfallen.

„Sterben soll ich heut – O, laß michNur bis Mitternacht noch leben,Daß ich meine Hochzeit fey’reMit Banquett und Fackeltänzen.

„Laß mich leben, laß mich leben,Bis geleert der letzte Becher,Bis der letzte Tanz getanzt ist –Laß bis Mitternacht mich leben!“

Und zum Henker spricht der König:„Unserm Eidam sey gefristetBis um Mitternacht sein Leben –Halt’ bereit dein gutes Richtbeil.“

2.Herr Olaf sitzt beim Hochzeitschmaus,Er trinkt den letzten Becher aus.An seine Schulter lehntSein Weib und stöhnt –Der Henker steht vor der Thüre.

Der Reigen beginnt und Herr Olaf erfaßtSein junges Weib, und mit wilder HastSie tanzen, bey Fackelglanz,Den letzten Tanz –Der Henker steht vor der Thüre.

Die Geigen geben so lustigen Klang,Die Flöten seufzen so traurig und bang!Wer die beiden tanzen sieht,Dem erbebt das Gemüth –Der Henker steht vor der Thüre.

Und wie sie tanzen, im dröhnenden Saal,Herr Olaf flüstert zu seinem Gemahl:„Du weißt nicht wie lieb ich dich hab –So kalt ist das Grab –“Der Henker steht vor der Thüre.

3.Herr Olaf es ist Mitternacht,Dein Leben ist verflossen!Du hattest eines FürstenkindsIn freier Lust genossen.

Die Mönche murmeln das Todtengebet,Der Mann im rothen Rocke,Er steht mit seinem blanken BeilSchon vor dem schwarzen Blocke.

Herr Olaf steigt in den Hof hinab,Da blinken viel Schwerter und Lichter.Es lächelt des Ritters rother Mund,Mit lächelndem Munde spricht er:

„Ich segne die Sonne, ich segne den Mond,Und die Stern’, die am Himmel schweifen.Ich segne auch die Vögelein,Die in den Lüften pfeifen.

„Ich segne das Meer, ich segne das Land,Und die Blumen auf der Aue.Ich segne die Veilchen, sie sind so sanftWie die Augen meiner Fraue.

„Ihr Veilchenaugen meiner Frau,Durch Euch verlier’ ich mein Leben!Ich segne auch den Hollunderbaum,Wo du dich mir ergeben.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte. Seiten 182-187, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, 1844
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ritter Olaf“, Fassung 5.014.352 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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