Don Ramiro
Heinrich Heine · 1797–1856
160 Zeilen in 40 Strophen · zuerst gedruckt 1827
„Donna Clara, Donna Clara!Heißgeliebte langer Jahre,Hast beschlossen mein Verderben,Hast beschlossen ohn’ Erbarmen.
Donna Clara, Donna Clara!Ist doch süß die Lebensgabe!Aber unten ist es grausig,In dem dunkeln, kalten Grabe.
Donna Clara! Freu’ dich, morgenWird Fernando, am Altare,Dich als Ehgemahl begrüßen.Wirst du mich zur Hochzeit laden?“
„Don Ramiro! Don Ramiro!Deine Worte treffen bitter,Bitt’rer als der Spruch der Sterne,Die da spotten meines Willens.
Don Ramiro! Don Ramiro!Rüttle ab den dumpfen Trübsinn;Mädchen giebt es viel auf Erden,Aber uns hat Gott geschieden.
Don Ramiro, UeberwinderVieler tausend Mohrenritter!Ueberwinde nun dich selber, –Komm’ auf meine Hochzeit, Lieber.“
Donna Clara! Donna Clara!Ja, ich schwör’ es, ja ich komme!Will mit dir den Reihen tanzen;Gute Nacht, ich komme morgen.“
„Gute Nacht!“ – Das Fenster klirrte.Seufzend stand Ramiro unten,Stand noch lange wie versteinert;Endlich schwand er fort im Dunkeln. –
Endlich auch nach langem Ringen,Muß die Nacht dem Tage weichen;Wie ein bunter BlumengartenLiegt Toledo ausgebreitet.
Prachtgebäude und PalästeSchimmern hell im Glanz der Sonne;Und der Kirchen hohe KuppelnLeuchten stattlich wie vergoldet.
Dumpfig und wie BienensummenKlingt der Glocken Festgeläute,Lieblich steigen BetgesängeAus den frommen Gotteshäusern.
Aber dorten, siehe! siehe!Dorten aus der MarktkapelleStrömt die bunte Volkesmenge,Im Gewimmel und Gedränge.
Blanke Ritter, schmucke Frauen,Hofgesinde festlich blinkend,Und die hellen Glocken läuten,Und die Orgel rauscht dazwischen.
Doch mit Ehrfurcht ausgewichenSchreitet stolz das junge Ehpaar;Donna Clara schwarz verschleiert,Don Fernando, waffenglänzend.
Tausend Augen schaun nach ihnen,Tausend frohe Stimmen rufen:Heil Kastiliens Mädchensonne!Heil Kastiliens Ritterblume!
Bis an Bräutigams PalastthorWälzet sich das Volksgewühle;Dort beginnt die Hochzeitfeier,Prunkhaft und nach alter Sitte.
Ritterspiel und frohe TafelWechseln unter lautem Jubel;Rauschend schnell entfliehn die StundenBis die Nacht herabgesunken.
Und zum Tanze sich versammelnDort im Saal die Hochzeitgäste;Alle funkeln buntbeleuchtetVon dem Lichterheer der Kerzen.
Don Fernando stralt wie’n KönigIn dem güldnen Purpurmantel;Clara wie die junge Rose,Blüht im weißen Brautgewande.
Auf erhobne EhrensitzeRings von Dienerschaft umwoget,Ließen sich die beiden nieder,Und sie tauschten süße Worte.
Und im Saale braust es dumpfig,Wie ein Meer von Sturm beweget!Und die lauten Pauken wirbeln,Und es schmettern die Trommeten.
„Doch warum, o schöne Herrin,Sind gerichtet deine BlickeDorthin nach der Saalesecke?“So verwundert sprach der Ritter.
„Siehst du denn nicht, Don Fernando,Dort den Mann im schwarzen Mantel?“Und der Ritter lächelt freundlich:„Ach! das ist ja nur ein Schatten.“
Doch es nähert sich der Schatten,Und es war ein Mann im Mantel;Und Ramiro schnell erkennend,Grüßt ihn Clara, gluthbefangen.
Und der Tanz hat schon begonnen,Munter drehen sich die Tänzer;Und der Boden dröhnt und zittertVon dem rauschenden Getöse.
„Wahrlich gerne, Don Ramiro,Will ich dir zum Tanze folgen,Doch im nächtlich schwarzen MantelHättest du nicht kommen sollen.“
Mit durchbohrend stieren AugenSchaut Ramiro auf die Holde,Sie umschlingend spricht er düster:„Sprachest ja ich sollte kommen!“
Und in’s wilde TanzgetümmelDrängen sich die beiden Tänzer;Und die lauten Pauken wirbeln,Und es schmettern die Trommeten.
„Sind ja schneeweiß deine Wangen!“Flüstert Clara heimlich schauernd.„Sprachest ja ich sollte kommen!“Schallet dumpf Ramiros Stimme.
Und im Saal die Kerzen blinzelnDurch das flutende Gedränge;Und die lauten Pauken wirbeln,Und es schmettern die Trommeten.
„Sind ja eiskalt deine Hände!“Flüstert Clara, schauerzuckend.„Sprachest ja ich sollte kommen!“Und sie treiben fort im Strudel.
„Laß mich, laß mich! Don Ramiro!Leichenduft ist ja dein Odem!“Wie als Echo schallen heiserDon Ramiros grause Worte.
Und der Boden raucht und glühet,Lustig fiedelen die Geiger;Wie ein tolles ZauberwebenSchwindelt alles im Gekreisel.
„Laß mich, laß mich! Don Ramiro!“Wimmert’s immer im Gewoge.Immer schnarret hohl die Antwort:„Sprachest ja ich sollte kommen!“
„Nun so geh in Gottes Namen!“Clara rief’s mit fester Stimme,Und dies Wort war kaum entfahren,Und verschwunden war Ramiro.
Clara starret, Tod im Antlitz,Kaltumflirret, nachtumwoben;Ohnmacht hat das lichte BildnißIn ihr dunkles Reich gezogen.
Endlich weicht der Nebelschlummer,Endlich schlägt sie auf die Wimper;Aber Staunen will auf’s neueIhre holden Augen schließen.
Denn derweil der Tanz begonnenWar sie nicht vom Sitz gewichen,Und sie sitzt noch bei dem Bräut’gam;Und der Ritter sorgsam bittet:
„Sprich, was bleichen deine Wangen?Sprich, was wird dein Aug so dunkel? –“„Und Ramiro? – – –“ schaudert Clara,Und Entsetzen lähmt die Zunge.
Doch mit tiefen, ernsten FaltenFurch’t sich jetzt des Bräut’gams Stirne:„Herrin, forsch’ nicht blut’ge Kunde, –Heute Mittag starb Ramiro.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Junge Leiden, Romanzen, S. 62–70, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Don Ramiro“, Fassung 3.778.619 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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