Meergruß
Heinrich Heine · 1797–1856
59 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Thalatta! Thalatta!Sey mir gegrüßt, du ewiges Meer!Sey mir gegrüßt zehntausendmalAus jauchzendem HerzenWie einst dich begrüßtenZehntausend Griechenherzen,Unglückbekämpfende, heimathverlangende,Weltberühmte Griechenherzen.
Es wogten die Fluthen,Sie wogten und brausten,Die Sonne goß eilig herunterDie spielenden Rosenlichter,Die aufgescheuchten MövenzügeFlatterten fort, lautschreiend,Es stampften die Rosse, es klirrten die Schilde,Und weithin erscholl es, wie Siegesruf:Thalatta! Thalatta!
Sey mir gegrüßt, du ewiges Meer,Wie Sprache der Heimath rauscht mir dein Wasser,Wie Träume der Kindheit seh’ ich es flimmernAuf deinem wogenden Wellengebiet,Und alte Erinn’rung erzählt mir auf’s neue,Von all dem lieben, herrlichen Spielzeug,Von all den blinkenden Weihnachtsgaben,Von all den rothen Corallenbäumen,Goldfischchen, Perlen und bunten Muscheln,Die du geheimnißvoll bewahrestDort unten im klaren Kristallhaus.
O! wie hab’ ich geschmachtet in öder Fremde!Gleich einer welken BlumeIn des Botanikers blecherner Kapsel,Lag mir das Herz in der Brust;Mir ist, als saß ich winterlange,Ein Kranker, in dunkler Krankenstube,Und nun verlaß ich sie plötzlich,Und blendend strahlt mir entgegenDer schmaragdne Frühling, der sonnengeweckte,Und es rauschen die weißen Blüthenbäume,Und die jungen Blumen schauen mich an,Mit bunten, duftenden Augen,Und es duftet und summt, und athmet und lacht,Und im blauen Himmel singen die Vöglein –Thalatta! Thalatta!
Du tapferes Rückzugherz!Wie oft, wie bitteroftBedrängten dich des Nordens Barbarinnen!Aus großen, siegenden AugenSchossen sie brennende Pfeile;Mit krummgeschliffenen WortenDrohten sie mir die Brust zu spalten,Mit Keilschriftbillets zerschlugen sie mirDas arme, betäubte Gehirn –Vergebens hielt ich den Schild entgegen,Die Pfeile zischten, die Hiebe krachten,Und von des Nordens BarbarinnenWard ich gedrängt bis an’s Meer,Und freiaufathmend begrüß’ ich das Meer,Das liebe, rettende Meer,Thalatta! Thalatta!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Die Nordsee, Zweiter Cyklus, S. 343–345, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Meergruß“, Fassung 3.778.409 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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