Zum Inhalt springen
Versbuch

Der Tambourmajor

Heinrich Heine · 17971856

62 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1844

VII.Der Tambourmajor.

Das ist der alte Tambourmajor,Wie ist er jetzt herunter!Zur Kaiserzeit stand er in Flor,Da war er glücklich und munter.

Er balanzirte den großen Stock,Mit lachendem Gesichte;Die silbernen Tressen auf seinem Rock,Die glänzten im Sonnenlichte.

Wenn er mit TrommelwirbelschallEinzog in Städten und Städtchen,Da schlug das Herz im WiederhallDen Weibern und den Mädchen.

Er kam und sah und siegte leicht,Wohl über alle Schönen;Sein schwarzer Schnurbart wurde feuchtVon deutschen Frauenthränen.

Wir mußten es dulden! In jedem Land,Wo die fremden Eroberer kamen,Der Kaiser die Herren überwand,Der Tambourmajor die Damen.

Wir haben lange getragen das Leid,Geduldig wie deutsche Eichen,Bis endlich die hohe ObrigkeitUns gab das Befreyungszeichen.

Wie in der Kampfbahn der AuerochsErhuben wir unsere Hörner,Entledigten uns des fränkischen JochsUnd sangen die Lieder von Körner.

Entsetzliche Verse! Sie klangen ins Oh’rGar schauderhaft den Tyrannen!Der Kaiser und die Tambourmajor,Sie flohen erschrocken von dannen.

Sie ärndteten beide den SündenlohnUnd nahmen ein schlechtes Ende.Es fiel der Kaiser NapoleonDen Britten in die Hände.

Wohl auf der Insel Sankt-Helena,Sie marterten ihn gar schändlich;Am Magenkrebse starb er daNach langen Leiden endlich.

Der Tambourmajor, er ward entsetztGleichfalls von seiner Stelle.Um nicht zu verhungern dient er jetztAls Hausknecht in unserm Hotele.

Er heitzt den Ofen, er fegt den Topf,Muß Holz und Wasser schleppen.Mit seinem wackelnd greisen KopfKeucht er herauf die Treppen.

Wenn mich der Fritz besucht, so kannEr nicht den Spaß sich versagen,Den drollig schlotternd langen MannZu nergeln und zu plagen.

Laß ab mit Spötteley’n, o Fritz!Es ziemt Germania’s SöhnenWohl nimmermehr mit schlechtem WitzGefallene Größe zu höhnen.

Du solltest mit Pietät, mich däucht,Behandeln solche Leute;Der Alte ist dein Vater vielleichtVon mütterlicher Seite.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, Zeitgedichte. S. 237–240, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1844
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Tambourmajor“, Fassung 3.812.089 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Heinrich Heine

Alle Gedichte von Heinrich Heine ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Biedermeier und Vormärz

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.