Michel nach dem März
Heinrich Heine · 1797–1856
36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1851
So lang ich den deutschen Michel gekannt,War er ein Bärenhäuter;Ich dachte im März, er hat sich ermanntUnd handelt fürder gescheuter.
Wie stolz erhob er das blonde HauptVor seinen Landesvätern!Wie sprach er – was doch unerlaubt –Von hohen Landesverräthern.
Das klang so süß zu meinem OhrWie mährchenhafte Sagen,Ich fühlte, wie ein junger Thor,Das Herz mir wieder schlagen.
Doch als die schwarz-roth-goldne Fahn’,Der alt germanische Plunder,Aufs Neu’ erschien, da schwand mein WahnUnd die süßen Mährchenwunder.
Ich kannte die Farben in diesem PanierUnd ihre Vorbedeutung:Von deutscher Freiheit brachten sie mirDie schlimmste Hiobszeitung.
Schon sah ich den Arndt, den Vater Jahn –Die Helden aus andern ZeitenAus ihren Gräbern wieder nah’nUnd für den Kaiser streiten.
Die Burschenschaftler allesammtAus meinen Jünglingsjahren,Die für den Kaiser sich entflammt,Wenn sie betrunken waren.
Ich sah das sündenergraute GeschlechtDer Diplomaten und Pfaffen,Die alten Knappen vom römischen Recht,Am Einheitstempel schaffen –
Derweil der Michel geduldig und gutBegann zu schlafen und schnarchen,Und wieder erwachte unter der HutVon vier und dreißig Monarchen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Frankfurter Musen-Almanach, Jg. 1, S. 80-81, 1. Auflage, Lizius, Frankfurt, a.M., 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Michel nach dem März“, Fassung 3.779.692 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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