Jetzt wohin?
Heinrich Heine · 1797–1856
36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1851
Jetzt wohin? Der dumme FußWill mich gern nach Deutschland tragen;Doch es schüttelt klug das HauptMein Verstand und scheint zu sagen:
Zwar beendigt ist der Krieg,Doch die Kriegsgerichte blieben,Und es heißt, du habest einstViel Erschießliches geschrieben.
Das ist wahr, unangenehmWär’ mir das Erschossen-werden;Bin kein Held, es fehlen mirDie pathetischen Geberden.
Gern würd’ ich nach England geh’n,Wären dort nicht KohlendämpfeUnd Engländer – schon ihr DuftGiebt Erbrechen mir und Krämpfe.
Manchmal kommt mir in den SinnNach Amerika zu segeln,Nach dem großen Freiheitstall,Der bewohnt von Gleichheits-Flegeln –
Doch es ängstet mich ein Land,Wo die Menschen Tabak käuen,Wo sie ohne König kegeln,Wo sie ohne Spuknapf speien.
Rußland, dieses schöne Reich,Würde mir vielleicht behagen,Doch im Winter könnte ichDort die Knute nicht ertragen.
Traurig schau ich in die Höh’,Wo viel tausend Sterne nicken –Aber meinen eignen SternKann ich nirgends dort erblicken.
Hat im güldnen LabyrinthSich vielleicht verirrt am Himmel,Wie ich selber mich verirrtIn dem irdischen Getümmel. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Romanzero. Zweites Buch. Lamentationen. Seiten 159-160., 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Jetzt wohin?“, Fassung 4.646.001 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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