Ich kam von meiner Herrin Haus
Heinrich Heine · 1797–1856
165 Zeilen in 40 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Und wandelt’ in Wahnsinn und Mitternachtgraus.Und wie ich am Kirchhof vorüber gehn will,Da winken die Gräber ernst und still.
Da winkt’s von des Spielmanns Leichenstein;Das war der flimmernde Mondesschein.Da lispelt’s: Lieb Bruder, ich komme gleich!Da steigt’s aus dem Grabe nebelbleich.
Der Spielmann war’s, der entstiegen jetzt,Und hoch auf den Leichenstein sich setzt.In die Saiten der Zither greift er schnell,Und singt dabei recht hohl und grell:
Ei! kennt Ihr noch das alte Lied,Das einst so wild die Brust durchglüht,Ihr Saiten dumpf und trübe?Die Engel, die nennen es Himmelsfreud,Die Teufel, die nennen es Höllenleid,Die Menschen, die nennen es: Liebe!
Kaum tönte des letzten Wortes Schall,Da thaten sich auf die Gräber all’;Viel Luftgestalten dringen hervor,Und umschweben den Spielmann und schrillen im Chor:
Liebe! Liebe! deine MachtHat uns hier zu Bett gebracht,Und die Augen zugemacht, –Ei, was rufst du in der Nacht?
So heult es verworren, und ächzet und girrt,Und brauset und sauset, und krächzet und klirrt;Und der tolle Schwarm den Spielmann umschweift,Und der Spielmann wild in die Saiten greift:
Bravo! bravo! immer toll!Seyd willkommen!Habt vernommenDaß mein Zauberwort erscholl,Liegt man doch jahraus, jahrein,Mäuschenstill im Kämmerlein;Laßt uns heute lustig seyn!Mit Vergunst, –Seht erst zu, sind wir allein? –Narren waren wir im Leben,Und mit toller Wuth ergebenEiner tollen Liebesbrunst.Kurzweil soll uns heut nicht fehlen,Jeder soll hier treu erzählen,Was ihn weiland hergebracht,Wie gehetzt,wie zerfetztIhn die tolle Liebesjagd.
Da hüpft aus dem Kreise, so leicht, wie der Wind,Ein mageres Wesen, das summend beginnt:
Ich war ein Schneidergeselle,Mit Nadel und mit Scheer’;Ich war so flink und schnelleMit Nadel und mit Scheer’.Da kam die MeisterstochterMit Nadel und mit Scheer’;Und hat mir in’s Herz gestochenMit Nadel und mit Scheer’.
Da lachten die Geister im lustigen Chor;Ein Zweiter trat still und ernst hervor:
Den Rinaldo Rinaldini,Schinderhanno, Orlandini,Und besonders Carlo MoorNahm ich mir als Muster vor.
Auch verliebt – mit Ehr’ zu melden –Hab’ ich mich, wie jene Helden,Und das schönste FrauenbildSpukte mir im Kopfe wild.
Und ich seufzte auch und girrte;Und wenn Liebe mich verwirrte,Steckt’ ich meine Finger raschIn des Herren Nachbars Tasch’.
Doch der Gassenvogt mir grollte,Daß ich Sehnsuchtsthränen wollteTrocknen mit dem Taschentuch,Das mein Nachbar bei sich trug.
Und nach frommer HäschersitteNahm man still mich in die Mitte,Und das Zuchthaus, heilig groß,Schloß mir auf den Mutterschooß.
Schwelgend süß in LiebessinnenSaß ich dort beim Wollespinnen,Bis Rinaldos Schatten kam,Und die Seele mit sich nahm.
Da lachten die Geister im lustigen Chor;Geschminkt und geputzt trat ein Dritter hervor:
Ich war ein König der Bretter,Und spielte im Liebhaberfach,Ich brüllte manch wildes: Ihr Götter!Ich seufzte manch zärtliches: Ach!
Den Mortimer spielt’ ich am besten,Maria war immer so schön!Doch trotz der natürlichsten GestenSie wollte mich nimmer versteh’n. –
Einst als ich verzweifelnd am Ende„Maria, du Heilige!“ rief,Da nahm ich den Dolch behende –Und stach mich ein bischen zu tief.
Da lachten die Geister im lustigen Chor;Im weißen Flausch trat ein Vierter hervor:
Vom Katheder schwatzte herab der Professer,Er schwatzt’, und ich schlief oft gut dabei ein;Doch hätt’ mir’s behagt noch tausendmal besserBei seinem holdseligen Töchterlein.
Sie hatt’ mir oft zärtlich am Fenster genicket,Die Blume der Blumen, mein Lebenslicht!Doch die Blume der Blumen ward endlich gepflücketVom dürren Philister, dem reichen Wicht.
Da flucht ich den Weibern und reichen Halunken,Und mischte mir Teufelskraut in den Wein, –Und hab’ mit dem Tode Smollis getrunken,Der sprach: Fiduzit, ich heiße Freund Hein!
Da lachten die Geister im lustigen Chor,Einen Strick um den Hals trat ein Fünfter hervor:
Es prunkte und prahlte der Graf beim WeinMit dem Töchterchen sein und dem Edelgestein.Was scheert mich, du Gräflein, dein Edelgestein,Mir mundet weit besser dein Töchterlein.
Sie lagen wohl beid’ unter Riegel und Schloß,Und der Graf besold’te viel Dienertroß.Was scheeren mich Diener und Riegel und Schloß, –Ich stieg getrost auf die Leitersproß.
An Liebchens Fensterlein klettr’ ich getrost,Da hör’ ich es unten fluchen erbost:„Fein sachte, mein Bübchen, muß auch dabei seyn,Ich liebe ja auch die Edelgestein.“
So spöttelt der Graf und erfaßt mich gar,Und jauchzend umringt mich die Dienerschaar.„Zum Teufel, Gesindel! Ich bin ja kein Dieb;Ich wollte nur stehlen mein trautes Lieb!“
Da half kein Gerede, da half kein Rath,Da machte man hurtig die Stricke parat;Wie die Sonne kam, da wundert sie sich,Am hellen Galgen fand sie mich.
Da lachten die Geister im lustigen Chor;Den Kopf in der Hand trat ein Sechster hervor.
Zum Waidwerk trieb mich Liebesharm;Ich schlich umher, die Büchs’ im Arm.Da schnarret’s hohl vom Baum herab,Der Rabe rief: Kopf – ab! Kopf – ab!
O, spürt’ ich doch ein Täubchen aus,Ich brächt’ es meinem Lieb nach Haus!So dacht’ ich, und in Busch und StrauchSpäh’t rings umher mein Jägeraug’.
Was koset dort? was schnäbelt fein?Zwei Turteltäubchen mögen’s seyn.Ich schleich’ herbei, – den Hahn gespannt, –Sieh’ da! mein eignes Lieb ich fand.
Das war mein Täubchen, meine Braut,Ein fremder Mann umarmt sie traut, –Nun, alter Schütze, treffe gut!Da lag der fremde Mann im Blut’.
Bald drauf ein Zug mit Henkersfrohn –Ich selbst dabei als Hauptperson –Den Wald durchzog. Vom Baum herabDer Rabe rief: Kopf – ab! Kopf – ab!
Da lachten die Geister im lustigen Chor;Da trat der Spielmann selber hervor:
Ich hab’ mal ein Liedchen gesungen,Das schöne Lied ist aus;Wenn das Herz im Leibe zersprungen,Dann gehen die Lieder nach Haus!
Und das tolle Gelächter sich doppelt erhebt,Und die bleiche Schaar im Kreise schwebt.Da scholl vom Kirchthurm’ „Eins“ herab,Da stürzten die Geister sich heulend in’s Grab.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Junge Leiden, Traumbilder, S. 25–33, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ich kam von meiner Herrin Haus“, Fassung 3.844.852 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.