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Versbuch

Donna Clara

Heinrich Heine · 17971856

88 Zeilen in 22 Strophen · zuerst gedruckt 1827

In dem abendlichen GartenWandelt des Alkaden Tochter;Pauken- und TrommetenjubelKlingt herunter von dem Schlosse.

„Lästig werden mir die TänzeUnd die süßen Schmeichelworte,Und die Ritter, die so zierlichMich vergleichen mit der Sonne.

„Ueberlästig wird mir Alles,Seit ich sah, bei’m Strahl des Mondes,Jenen Ritter, dessen LauteNächtens mich an’s Fenster lockte.

„Wie er stand so schlank und muthig,Und die Augen leuchtend schossenAus dem edelblassen Antlitz,Glich er wahrlich Sanct Georgen.“

Also dachte Donna Clara,Und sie schaute auf den Boden;Wie sie aufblickt, steht der schöne,Unbekannte Ritter vor ihr.

Händedrückend, liebeflüsternd,Wandeln sie umher im Mondschein,Und der Zephyr schmeichelt freundlich,Mährchenartig grüßen Rosen.

Mährchenartig grüßen Rosen,Und sie glüh’n wie Liebesboten.Aber sage mir, Geliebte,Warum du so plötzlich roth wirst?

„Mücken stachen mich, Geliebter,Und die Mücken sind, im Sommer,Mir so tief verhaßt, als wären’sLangenas’ge Judenrotten.“

Laß die Mücken und die Juden,Spricht der Ritter, freundlich kosend.Von den Mandelbäumen fallenTausend weiße Blüthenflocken.

Tausend weiße BlüthenflockenHaben ihren Duft ergossen.Aber sage mir, Geliebte,Ist dein Herz mir ganz gewogen?

„Ja, ich liebe dich, Geliebter,Bei dem Heiland sey’s geschworen,Den die gottverfluchten JudenBoshaft tückisch einst ermordet.“

Laß den Heiland und die Juden,Spricht der Ritter, freundlich kosend.In der Ferne schwanken traumhaftWeiße Liljen, lichtumflossen.

Weiße Liljen, lichtumflossen,Blicken nach den Sternen droben.Aber sage mir, Geliebte,Hast du auch nicht falsch geschworen.

„Falsch ist nicht in mir, Geliebter,Wie in meiner Brust kein TropfenBlut ist von dem Blut der MohrenUnd des schmutz’gen Judenvolkes.“

Laß die Mohren und die JudenSpricht der Ritter, freundlich kosend;Und nach einer MyrthenlaubeFührt er die Alkadentochter.

Wie mit weichen LiebesnetzenHat er heimlich sie umflochten;Kurze Worte, lange Küsse,Und die Herzen überflossen.

Und ein schmelzend süßes BrautliedSingt im Laub’ ein Zaubervogel;Wie zum Fackeltanze hüpfenFeuerwürmchen auf dem Boden.

In der Laube wird es stiller,Und es schweigen die Verborgnen;Nur die heimlich klugen MyrthenHört man flüstern, wie verstohlen.

Aber Pauken und TrommetenSchallen plötzlich aus dem Schlosse,Und erwachend hat sich ClaraAus des Ritters Arm gezogen.

„Horch! da ruft es mich, Geliebter,Doch, bevor wir scheiden, sollst duNennen deinen lieben Namen,Den du mir so lang verborgen.“

Und der Ritter, heiter lächelnd,Küßt die Finger seiner Holden,Küßt die Lippen und die Stirne,Und er spricht die langen Worte:

„Ich, Sennora, Eu’r Geliebter,Bin der Sohn des vielbelobten,Großen, schriftgelehrten RabbiIsrael von Saragossa.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Buch der Lieder, Die Heimkehr, S. 267–271, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
Digitalisat
de.wikisource.org — „Donna Clara“, Fassung 4.062.742 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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