Der bleiche, herbstliche Halbmond
Heinrich Heine · 1797–1856
31 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Lugt aus den Wolken heraus;Ganz einsam liegt auf dem Kirchhof’Das stille Pfarrerhaus.
Die Mutter liest in der Bibel,Der Sohn, der starret in’s Licht,Schlaftrunken dehnt sich die ält’re,Die jüngere Tochter spricht:
Ach Gott! wie Einem die TageLangweilig hier vergeh’n;Nur wenn sie Einen begraben,Bekommen wir etwas zu sehn.
Die Mutter spricht zwischen dem Lesen:Du irrst, es starben nur Vier,Seit man deinen Vater begraben,Dort an der Kirchhofsthür’.
Die ält’re Tochter gähnet:Ich will nicht verhungern bei Euch,Ich gehe morgen zum Grafen,Und der ist verliebt und reich.
Der Sohn bricht aus in Lachen:Drei Jäger zechen im Stern,Die machen Gold und lehrenMir das Geheimniß gern.
Die Mutter wirft ihm die BibelIn’s mag’re Gesicht hinein:So willst du, Gottverfluchter,Ein Straßenräuber seyn!
Sie hören pochen an’s Fenster,Und sehn eine winkende Hand;Der todte Vater steht draußenIm schwarzen Pred’gergewand.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Die Heimkehr, S. 205–206, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der bleiche, herbstliche Halbmond“, Fassung 3.837.788 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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