Anno 1829
Heinrich Heine · 1797–1856
30 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1844
VII.Anno 1829.Daß ich bequem verbluten kann,Gebt mir ein edles, weites Feld!O, laßt mich nicht ersticken hierIn dieser engen Krämerwelt!
Sie essen gut, sie trinken gut,Erfreu’n sich ihres Maulwurfglücks,Und ihre Großmuth ist so großAls wie das Loch der Armenbüchs.
Zigarren tragen sie im MaulUnd in der Hosentasch’ die Händ’;Auch die Verdauungskraft ist gut, –Wer sie nur selbst verdauen könnt’!
Sie handeln mit den Spezerei’nDer ganzen Welt, doch in der Luft,Trotz allen Würzen, riecht man stetsDen faulen Schelfischseelenduft.
O, daß ich große Laster säh’,Verbrechen, blutig, kolossal, –Nur diese satte Tugend nicht,Und zahlungsfähige Moral!
Ihr Wolken droben, nehmt mich mit,Gleichviel nach welchem fernen Ort!Nach Lappland oder Afrika,Und sey’s nach Pommern – fort! nur fort!
O, nehmt mich mit – Sie hören nicht –Die Wolken droben sind so klug!Vorüberreisend dieser StadtAengstlich beschleun’gen sie den Flug.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte. Seiten 176-177, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Anno 1829“, Fassung 5.013.946 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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