An eine Sängerin
Heinrich Heine · 1797–1856
30 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Ich denke noch der Zaubervollen,Wie sie zuerst mein Auge sah!Wie ihre Töne lieblich klangen,Und heimlich süß in’s Herze drangen,Entrollten Thränen meinen Wangen, –Ich wußte nicht wie mir geschah.
Ein Traum war über mich gekommen:Als sey ich noch ein frommes Kind,Und säße still, beim Lämpchenscheine,In Mutters warmen Kämmerleine,Und läse Mährchen wunderfeine,Derweilen draußen Nacht und Wind.
Die Mährchen fangen an zu leben,Die Ritter steigen aus der Gruft;Bei Ronzisvall da giebt’s ein Streiten,Da kommt Herr Roland herzureiten,Viel kühne Degen ihn begleiten,Auch leider Ganelon, der Schuft.
Durch den wird Roland schlimm gebettet;Er schwimmt in Blut, und athmet kaum;Kaum mochte fern sein JagdhornzeichenDas Ohr des großen Carls erreichen, –Da muß der Ritter schon erbleichen, –Und mit ihm stirbt zugleich mein Traum.
Das war ein laut verworr’nes Schallen,Das mich aus meinem Träumen rief.Verklungen war jetzt die Legende,Die Leute schlugen in die Hände,Und riefen „Bravo“ ohne Ende;Die Sängerin verneigt sich tief.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Junge Leiden, Romanzen, S. 82–83, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An eine Sängerin (Buch der Lieder 1827)“, Fassung 3.845.029 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.