Franciscas Abendlied
Frank Wedekind · 1864–1918
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Weiß die Mutter doch so gut,Wann die Äpfel reifen,Und ihr eigen Fleisch und BlutWill sie nicht begreifen!
Wenn ich nicht so trostlos wär’,Ging’s mir wohl um Treue;Kommt das Glück von Ungefähr,Folgt ihm keine Reue.
Seht euch nur dies Leben an,Hühner, Enten, Gänse –Drüben schwingt der SchnittersmannSchon die blanke Sense.
Baut’ ich auf den lieben Gott,Baut’ auf meine Karten,Ward’ bei Beiden mir zum Spott,Lernte fleißig warten!
Zwanzig Sommer sind vorbei,Armes kurzes Leben –Hast nun einen süßen MaiHeimlich doch gegeben!
Ist die Nacht nicht gar so still,Stiller wird’s am Tage;Weiß man einmal, was man will,Scheut man keine Plage.
Mütterchen zergrübelt sich,Streicht die weißen Haare,Träumt so mancherlei für mich,Träumt sich nicht das Wahre.
Schrecklich ist die EinsamkeitNur auf Gottes Erden.Schön ist auch ein Glück zu Zweit,Will’s zu Dritt nicht werden.
Kommen viele Jahre noch,Langes kaltes Sterben;Durft’ ein einzig Mal ich dochUm mein Schicksal werben!
Not und Schande, Angst und Pein,Alles will ich tragen.Wird es nur kein Mägdelein,Will ich gar nicht klagen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Franciscas Abendlied“, Fassung 3.779.591 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.
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