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Versbuch

Vergänglichkeit

Frank Wedekind · 18641918

40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Streck deine Beine, mein hübscher Genoß;Deine schwarzen Strümpfe aus Fil d’EcosseReichen dir weit bis über die Kniee,Wenn ich sie dir nicht noch höher ziehe.

Sie sind das Verfänglichste wohl an dir,Deine schwarzen Strümpfe; ich sterbe dafür.Hell schimmert die Haut durch die weiten Maschen,Man möchte von außen schon daran naschen.

Dabei legst du deine Füße so friedlichÜbereinander, die blanken Lackschuhe appetitlichGestreckt – die Seligkeit, sie dir zu binden,Kann im Himmel nicht ihresgleichen finden.

Dein schwarzer Lockenkopf, deine blassen Wangen,Dein splitternackter Mund, deine bangenTiefschwarzen Augen sind eine Pracht,Doch haben nicht sie mich verrückt gemacht.

Deine Unwiderstehlichkeit liegt in den Beinen.Seh’ ich dich kommen, so möcht’ ich weinen.Du hebst die Kniee in einem Takt,Der würgend mich an der Kehle packt.

Ich will dir zum ewigen AngedenkenEin Paar Strumpfbänder in zartem Lila schenkenMit goldenem Wappen, denn du bist in der TatEin Mädchen und ein junger Aristokrat.

Ein Knabe, der in seiner Anmut nicht leidet,Wenn er sich zuweilen als Mädchen verkleidet;Aber deine Mutter sagt mir, du seistDurchdrungen von ritterlichem Geist,

Du bestehest mit Glanz die schwierigsten ExamenUnd schwärmest auch schon für die allerreizendsten Damen.Niemand glaubt mir in dieser Welt,Wie mir das an dir, meinem Schützling gefällt.

Noch bist du Cherub. Wenige Wochen,Dann ist wohl die Knospe schon aufgebrochen;Dann blickst du mit grimmem Schauder auf mich,Der dir so zärtlich die Locken strich.

Wie schade, daß alles Schöne vergeht,Auch deine Hoheit. Die PubertätMacht dich den übrigen Flegeln ähnlich.Der Duft ist hin und du wirst gewöhnlich.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Vergänglichkeit“, Fassung 3.779.455 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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