Ein letztes Ende
Frank Wedekind · 1864–1918
25 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Darf ich dir Glauben schenken, goldner StrahlErneuter Hoffnung, lichte Himmelsspende?Nahst du, ein Gnadenengel meiner Qual?Bist du ein Trugbild, wie so manches Mal?Verkündest lächelnd du ein letztes Ende?
Ein letztes Ende! – meine Wimper sinkt,Und Dunst und Nebel seh’ ich still zerrinnen.Ein süß Geflüster mir zum Ohre dringt,Des langen Winters letzte Spuren trinktEin warmer milder Sonnenblick von hinnen.
Lenzfrohe Schauer wehn durch Wald und Feld,Am Friedhoftor die ersten Veilchen sprießen,Dort, wo ein schwarzbehangner Wagen hältMit einem Wandrer, der mit Gott und WeltVersöhnt die müden Augen durfte schließen.
Den Pastor hör’ ich, fromm und wohlbeleibt,Dem Hingeschiednen Komplimente lallen:Er lebte unbescholten, unbeweibt –Der Totengräber, etwas angekneipt,Läßt seine Schaufel in die Grube fallen.
Gottlob, ich bin schon tot! Der Deckel kracht,Ich habe mich nicht weiter drum zu kümmern.Ich schlummre sanft. Gut’ Nacht denn, gute Nacht!Die bösen Geister sind zu Ruh’ gebracht;So geh’ nun die Behausung auch zu Trümmern!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ein letztes Ende“, Fassung 3.688.725 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.
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